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Sonntag, 15. März 2026

Februar

Es ist schon (m)ein halbes Leben lang her. Und dann sehe ich (s)ein Gesicht auf nem Foto. Wer hätte denn ahnen können, dass es sich immer noch so anfühlt wie der erste Sonnenschein nach einem viel zu langen Winter. Und wer hätte ahnen können, dass ich immer noch denke.

(Wenn ich ihn in die Finger kriege, kratze ich ihm die Augen aus.)

Montag, 13. Januar 2025

things i miss // things i left behind

12.04.2023

I. Das Haus mit der Nummer 31. Schokoladeneis und Erdbeeren. Die letzte Stunde Schule schwänzen und in Xayahs rotem Auto an den See fahren. Diese Schoko-Orangen-Kekse, die es einfach irgendwann nicht mehr im Supermarkt gab. Das Meer. Die Aufregung, die mich beim Anblick des Hafens überkommen hat. "Mein" Ort unter den Bäumen am Seeufer. Freitagnachmittage in Hopes Auto. Nektarinen, in Stückchen, und mit Schokosoße. Das Kreuzworträtsel aus der Zeitung von Samstag. Fee. London. In F.s Küche beim Kochen Musik hören und mitsingen. Darüber debattieren, welche Zeile aus dem Song nun die Beste ist. (Er plädiert für Remember me when I lit the fire to keep us warm on a cold winter morning. Mein Favorit ist Once the light goes out everything ends, it is time. (Sonata Arctica - Gravenimage)) Aber weiter im Text: Herrn Soundso. Rell und ich - nur wir zwei, alleine - zur Mittagsstunde. Einen Mann mit weißen Haaren und schwarzer Brille, dem nie die Filzstifte ausgehen. Blogger vor 10 Jahren. Glühwein und Orangen. Mit meiner Oma Plätzchen verzieren. Ungeduldig das Thermometer beobachten, bis die magische Temperatur endlich erreicht ist. Das zweite Zimmer auf der rechten Seite, ebenfalls zur Mittagsstunde. Sommer 2015. Kaiser. Mit Camille vormittags in der Küche sitzen. Mit Freunden auf dem Weg zum Konzert im Auto laut Musik hören und über das neue Album von ASP diskutieren...

II. Das Gefühl, endlich angekommen zu sein. So, da waren die Finger auf der Tastatur schneller und sind der Instanz in meinem Kopf, die Zurückhaltung gefordert hat, zuvorgekommen. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, ich weiß, aber ich bin mit dem Ergebnis ganz zufrieden. 26 Dinge "zu Papier" gebracht, bevor der Gedanke an sie zu ... übermächtig wurde. (Das Zimmer schon eine ganze Weile vor Augen. Hätte das Zimmer bestimmt schon aufgeführt, wenn es denn Worte dafür geben würde. Doch wie lässt sich ein Ort beschreiben, der nicht mehr existiert? Ohne in dem Vermissen unterzugehen, meine ich? Ob nun Vermissen, oder Sonnenlicht, in einem dieser beiden Dinge werde ich ertrinken. Denn da ist ein Riss in mir, und es kann keine Heilung geben. Jedenfalls keine, die ihren Namen trägt. Aber was erzähle ich da. Bin doch längst nicht mehr als ein Wrack. Wie viel Schaden könnte eine Zeichnung schon anrichten?)

Übermächtig; vielleicht ist es auch sie, die diesen Raum flutet. Korrigiere: war. Oder: ist gewesen. Denn dann hat sie ihren Heiligenschein abgelegt. Hat sich mit dem Frost verbündet, der den Garten in eine Ruine verwandelt hat, und nun sitzt beides in meinen Knochen. (Das wird interessant - da hat der "Ich vermisse sie so unaussprechlich" Vibe sich verwandelt in "Diese Frau ist mein Untergang" - wenn ich zwei Zeilen später nicht gleich aus Unbecoming zitiere, weiß ich auch nicht.) (Da ist aber auch eine Stimme, die ganz entsetzt fragt "Wie redest du denn über sie?" und vielleicht sollte ich der mal Beachtung schenken? Schließlich muss ich dankbar sein, dankbar sein, dankbar sein - ich bin zur Dankbarkeit verdammt, befürchte ich.) 

Jetzt

Diese Worte liegen schon ein Weilchen rum. Ich weiß nicht genau, warum ich es plötzlich für eine gute Idee halte, das zu veröffentlichen, aber anscheinend ist es mal wieder an der Zeit für einen meiner "Aus dem Archiv" Veröffentlichungs-Marathon. (Ist das ein Wort?) Es ist jetzt so, okay; ich mache die Regeln hier nicht. Ich gehe nur mit dem Flow. Ich möchte dem Eintrag auch gar nichts hinzufügen, weil ich Angst habe, dass mir a) entweder nichts dazu einfällt oder b) es komplett ausartet. Also ungefiltert, unkommentiert, hier ist bloß noch der Song:

And you laugh as I search for a harbor
As you point where your halo had been
But the light in your eyes has been squandered
There's no angel in you in the end
And all that I was I've left behind me 
Starset - Unbecoming

Danke für eure Aufmerksamkeit. Wir sehen uns beim nächsten Mal.

Dienstag, 3. Oktober 2023

Schlussstrich

Hier sitze ich nun und wünschte, ich könnte ihn ausradieren. Den Schlussstrich, meine ich. Vielleicht hätte ich ihn weniger vehement ziehen sollen, lediglich mit einem Bleistift, bloß eine Andeutung, aber es hat deutlicher sein müssen als Zweifel. Ihre Zweifel geht mir durch den Kopf, so als -

Ich kann nicht. Bald vier Jahre "Das Geschenkpapier ist dunkelblau und meine Finger zittern" und ich dachte - ich hab echt gedacht, es sei in Ordnung inzwischen, aber in Wahrheit habe ich keinen Tag aufgehört. (Sie zu lieben. Auch auf dem Papier braucht das ein sicheres Versteck.) 

Hier sitze ich nun, in meinem blöden Wohnzimmer, auf meinem blöden Sofa, und all die Dinge, die ich habe, sind nichts wert: Nicht ohne sie. Sieht nett aus hier; die Vorwürfe türmen sich inzwischen bis zur Decke, die Erinnerungen habe ich versucht, in den Ecken zu verbergen, im Türrahmen lehnt mein vergangenes Ich und schaut mich undurchdringlich an; beide haben wir verstaubte Finger, weil wir einfach nicht loslassen können. Von irgendwoher flüstert eine Stimme: "Du hättest sie küssen sollen, als du die Chance dazu hattest." 

Kann ich meinen Kopf irgendwo umtauschen? Denn der schmuggelt sie in jedes Zuhause, das ich auf dieser Welt errichten könnte. Alleine schon der Versuch ist im Grunde zu bestrafen. Und: Die Ansammlung meiner letzten Worte summiert sich auf zu Blasphemie; hätte ich sie nicht schon längst in ein silberglänzendes Gewand gekleidet, müsste ich mir meinen eigenen Scheiterhaufen errichten. Hochverrat erhält monatlich ein neues Gesicht, was das Entkommen umso schwerer macht. Nach all den Jahren kann ich auf wunden Füßen nur noch müde - vorwärts stolpern, wollte ich schreiben, aber ist das wirklich die Richtung, die ich eingeschlagen habe? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ich es jemals wusste.

Sonntag, 4. September 2022

September

-Da liegt etwas in der Septemberluft.- Ahornbäume; riesige Pfützen auf roten Pflastersteinen. Nachmittagssonne. Sie steht in der Tür eines weißen Hauses und sieht aus wie ein Engel.
-Nein. Das ist es nicht.- Zu kalt hier drin; vielleicht bin i c h es - ich wende mich ab, kann ihren Anblick nicht ertragen: es scheint, als wüsste sie nicht länger... Wie sie mich ansehen soll. Wie sie verhindern soll, dass. (Sie sieht mich an, so als sei dies nicht mehr das Beste, das hätte passieren können.) -Das ist es auch nicht.- Mehr Nachmittagssonne, Tomaten, frisch geerntet, F., Wir können ja mal... und das tun wir ein paar Tage später auch. Herbstlaub, am See im Gras sitzen, Tee aus einer Thermoskanne trinken. Apfel-Toffee-Brownies. -Auch nicht richtig.- Ein grauer Poncho, viel zu viel Geld für Kaffee ausgeben, weil K. so begeistert ist von Pumpkin Spiced Latte. Schwarze Schuhe kaufen. -Auch nicht.- Ein Neuanfang vielleicht, mit dem Rücken zum Bücherregal. Alte Verhaltensmuster, mit den Gedanken an einem anderen Ort. (In dem Licht, das durch die Fenster fällt, sieht sie irrsinnig schön aus. Ihr Haar ist so golden wie der Sonnenschein. Und ich, ich kann nicht... Ich kann nicht mehr...) -Es schnürt mir die Kehle zu; ich drehe mich in Kreisen. Kann die richtige Situation nicht zeichnen. Da liegt etwas in der Septemberluft, und ich bekomme es nicht zu fassen.-

Sonntag, 13. März 2022

way back home (oder: zuhause, geliehen)

Das Haus verlassen und sich nach rechts wenden, es sind nur ein paar wenige Schritte bis zur Kreuzung. Die Straße überqueren, einmal, und vor dem mexikanischen Restaurant ein zweites Mal, dann links an der Bibliothek vorbei, bis zur nächsten, noch größeren Kreuzung. Jetzt nur ein Mal über die Straße und dann ist da ein Park; man könnte links daran vorbeigehen oder rechts, oder auch mittendurch laufen, wenn man das wollte. Sich für rechts entscheiden, immer. In dieser Straße befindet sich die kleinste Kirche der Welt, dahinter muss man schon wieder rechts abbiegen, nun bis zur Kreuzung laufen, der vierten jetzt, an dieser Stelle geht's nach links, und dann folgt man der Straße bis zum Zebrastreifen. Stehen bleiben, kurz, hält dieses Auto auch wirklich an, und ein paar Meter weiter gibt's eine kleine Abkürzung, runter von den Gehwegplatten, rauf auf den sandigen Pfad, am Spielplatz vorbei. Sich rechts halten, bis zum Restaurant, ein italienisches dieses Mal, dann erneut die Straße überqueren, länger stehen bleiben nun, hier ist kein Zebrastreifen, nur eine Fußgängerinsel, dieses Auto wird nicht anhalten. Ein paar Meter weiter dann eine Ordnungswidrigkeit begehen; die Straße ist jetzt aus Kopfsteinpflaster, völlig unpassend irgendwie, und hier ist auch eine Ampel, aber es wird kein Auto kommen, wirklich nicht, die nehmen doch alle die Hauptstraße, also muss man nicht warten, bis es grün wird, man kann einfach so über die Straße laufen. Hier dann wieder ein Park; man könnte links daran vorbeigehen oder rechts, mittendurch laufen geht nicht, da ist eine Hecke im Weg. Sich für rechts entscheiden, wieder. Das Ziel ist in der dritten Straße
links - bevor man ankommt, muss man noch aufpassen, dass die Schuhe nicht allzu dreckig werden; hier unter den Ahornbäumen ist der Gehweg uneben und es bilden sich Pfützen, und wenn man jetzt durch nasses Laub läuft, muss man gleich um den Teppich herumtänzeln, da ist es einfacher, an dieser Stelle kurz aufzupassen. (Man müsste tänzeln, weil die Schuhe an bleiben, und das obwohl man zuhause ist, verrückt eigentlich. A l l e s an diesem Zuhause ist ein bisschen verrückt, aber das fällt Jahre später erst auf, als der Weg schon längst ein anderer geworden ist; es ist schwieriger, ihn zu finden jetzt, viel zu schwierig manchmal.)

What if I just can't find my way back home?
What about all the things I just don't know?
What if I just can't find my way back home?
Would you be there to show me where to go?
Bag Raiders - Way Back Home

Montag, 31. Januar 2022

partners in crime

We're in hell, can't leave this dark place
Try to break and I'm on your tail
If all that suffers is real
Then it's only us who feel
Only us who feel
Antimatter - Partners In Crime

Ich bin hin und hergerissen, weißt Du? Ob ich Dir heute noch schreiben soll oder nicht.
(Gerade hatte ich einen Vergleich im Kopf in Richtung Weihnachten und in die Kirche gehen. Aber bei genauerer Betrachtung weißt der Schwächen auf, also lass ich's.)

Es wäre heuchlerisch. Dir heute zu schreiben, meine ich. Denn unsere Freundschaft ist im Grunde tot. Sie ist langsam gestorben; es war ein Dahinsiechen, das sich nun über zwei Jahre zieht - ich sehe sie jetzt da liegen, noch an der Beatmungsmaschine angeschlossen, und ich bin nicht dazu in der Lage, den Stecker zu ziehen. Ich kann's nicht. Weil ich dann zurückdenken muss, an die Zeit zu der ich Dich kennengelernt habe. Eine turbulente Freundschaft "auf den ersten Blick" - wir waren schon unzertrennlich zu einem Zeitpunkt, an dem Du noch gar nicht von Aphelios wusstest. Es war Dein trockenes "Das kenne ich" das uns noch mehr verbunden hat; partners in nicht nur sprichwörtlichem crime. Das erste - und einzige - Mal in meinem Leben dass ich etwas Illegales getan habe, mit Dir an meiner Seite. (Ich hab Dir glaube ich nie erzählt, dass ich jedes Mal, wenn ich dieses Kleid getragen habe, ein schlechtes Gewissen hatte.)

Darüber hinaus waren es eher Ordnungswidrigkeiten, die kann ich nicht zählen. Wie oft wir die Schule geschwänzt haben und in Deinem Auto an den See gefahren sind, zum Beispiel. Und dann wurdest Du älter, vernünftiger, hast Dein Leben geregelt(er) bekommen, und meins war halt immer noch außer Kontrolle. 2019 habe ich dann die Ausbildung angefangen, alles schön und gut, nur diese.eine.Sache hatte ich noch immer nicht "im Griff" und ich frage mich, ob ich mit meinem Nicht-Loslassen-Können - aus Deiner Sicht - zu weit gegangen bin.

Aber. Im Grunde kannst Du das nicht beurteilen, weil wir seit fucking anderthalb Jahren kein richtiges Gespräch mehr geführt haben. Ich hatte noch gar keine Gelegenheit Dir zu erzählen, wie sehr ich nicht losgelassen habe. Ich muss Dir das auch gar nicht sagen um zu wissen, dass Du es nicht verstehen würdest. Weil Du wahrscheinlich immer noch denkst, dass sie lediglich... Dass sie ist wie... - sorry, und da hast Du halt einfach Unrecht. (Das sage ich mir. Immer und immer wieder. Ich könnte es nicht ertragen, wenn Du am Ende Recht hast. Nicht, dass ich Dir das nicht gönnen würde, aber der Gedanke daran, was das für sie bedeuten könnte, würde mich schier umbringen. Sie ist nicht wie der Rest. Weil ich für sie nicht bin wie der Rest. Oder wie auch immer das zusammenhängt.)

Eigentlich will ich bloß wissen, ob ich uns kaputt gemacht habe in dem Moment, in dem ich anfing Deinen Fragen auszuweichen. Das habe ich ja gar nicht für lange getan. Aber wahrscheinlich war das der Anfang vom Ende; nur dass wir jetzt die Rollen getauscht haben, und Du... Du weichst nicht mal mehr aus, denn dazu müsste ja noch irgendeine Antwort von Dir kommen. Da ist aber Funkstille, und ich bin den Versuch langsam Leid, Dir alles aus der Nase zu ziehen. Ich höre jetzt auf damit, Xayah. Ich bin gespannt, was Du im Frühjahr daraus machst. Ob Du versuchst, diese Freundschaft zu reanimieren. Oder sie endgültig zu Grabe trägst.

Mittwoch, 17. November 2021

satellites* * [17/11/18]


D a m a l s. "Ich habe deine Mail mehrmals gelesen und freue mich immer noch darüber. Mein Lieblingssatz daraus ist "Ich fühlte mich unglaublich erleichtert und endlich bereit, meine Flügel auszubreiten!" Weil es sich für mich gerade sehr ähnlich anfühlt, nur hätte ich die Worte nicht gefunden, das so auszudrücken. Ich hätte wahrscheinlich gesagt, dass ich mich so fühle, als könnte ich endlich frei atmen. Oder als hätte ich das fehlende Puzzleteil gefunden, und das Bild würde plötzlich einen Sinn ergeben." H e u t e. Ich bin nicht in der Stimmung zu schreiben. Also, nicht über den Jahrestag. Die Wahrheit ist, dass ich nicht weiß, was in den letzten Tagen mit mir passiert. Das Puzzle liegt in seinen Einzelteilen in der Ecke, und nichts passt mehr zueinander; nichts ergibt mehr einen Sinn. Aber ich bin frei. Ich darf nicht vergessen. Darf nicht vergessen wie es sich an(ge)fühlt (hat) oder dass ich mich nicht mehr verstecken m u s s. Darf nicht vergessen, dass es schien als würde ich verlieren, und tatsächlich doch das Gegenteil passiert ist. Darf nicht vergessen, dass es in Ordnung ist, wenn "es" gerade keinen Sinn ergibt. Darf nicht vergessen, dass es auch weh tun darf. Darf nicht vergessen, dass sie da wäre - ich müsste sie nur lassen. Darf nicht vergessen; ich darf nicht vergessen.

I'm sick of concealing
I'm sick of the feeling
I no longer want to hide
Cause I think it could be love
But I can't show you enough
Enter Shikari - satellites* *

Sonntag, 7. November 2021

v i e l l e i c h t

vielleicht sind es die ahornbäume, die jeden meiner schritte gezählt haben, und nun wirken, als wüssten sie, dass ich, den leinpfad entlang laufend, eigentlich ein anderes ziel habe

vielleicht ist es die dunkelheit, die mich umhüllt; eine dunkelheit, die meine tränen und auch meine wünsche verbirgt

vielleicht ist es der garten voll sterbender blumen, in den ich mich mit meinen blicken
flüchte - denn ich kann mich ihr nicht zuwenden; kann nicht ertragen, dass sie nicht länger weiß, wie sie mich anschauen soll

vielleicht ist es der regen; dieses wetter ist längst zu etwas geworden, über das wir nur noch scherzhaft lachen, aber die wahrheit ist: kein regen, kein unwetter dieser welt könnte mich jemals davon abhalten, sie zu sehen

vielleicht ist es die kälte, die in jedem winkel des hauses lauert, und sich doch nie an sie heran wagt, stattdessen umgibt sie mich - oder kommt aus mir 

vielleicht sind es die träume. vielleicht ist es die musik. vielleicht werde ich auch nie erfahren, warum sie mir im herbst mehr fehlt als zu allen anderen (jahres)zeiten

Mittwoch, 27. Oktober 2021

tonight my life will lack its meaning


Mays Nachricht gestern Abend tritt (zu) viele Dinge gleichzeitig los. Reya hat auch davon gehört und fragt - berechtigterweise - bei mir nach, weil sie Angst hat, dass ich nicht klar komme. Ich komme klar. Etwa 15 Stunden lang. Dann fällt meine Fassade in sich zusammen; ich kann nicht aufhören, daran zu -

Es ist so dunkel, dass ich kaum die Hand vor Augen erkennen kann. Ich stolpere blindlings durch den Wand und bahne mir einen Weg durch das Brombeerdickicht. Hier kann ich nicht bleiben. Doch wohin soll ich gehen? Was ist dieses "Zuhause"?

Ich kann einfach nicht aufhören, daran zu denken. Reya bietet an, darüber zu reden. Ich
spreche mir das Recht dazu ab. Es geht schließlich nicht um mich; ich kann nicht zulassen, dass sich unser Gespräch jetzt um mich dreht. Am Allerwenigsten kann ich May wissen lassen, dass ich mit ihren Neuigkeiten nicht gut umgehen kann. Es geht ihr sowieso schon schlecht genug, da will ich nicht noch Gewissensbisse verursachen. 

Das schlechte Gewissen bringt mich fast um. "Am Liebsten würde ich sie [Cheza] anrufen und ihr sagen, dass es mir unendlich Leid tut. (...) Ich habe ihr weh getan, wie soll ich mir das verzeihen? (...) Ich habe das Gefühl, als müsste ich es wieder gut machen. Aber ich habe doch nur meine Worte; wie können Worte den Schmerz aufwiegen?"

Ich kann es Reya nicht sagen; ich kann es May nicht sagen; ich kann es keiner Person auf dieser Welt sagen. I c h bin diejenige, die in dieser Sache... I c h habe das getan - also, hätte es getan. Fast. Und damit habe ich schon mehr als genug Schaden angerichtet. Zwei Jahre nach "Fast" fragt sie am Telefon nach, um meine Worte richtig zu deuten. Es bricht mir das Herz.

Meine Chefin möchte wissen, ob ich jemanden habe, um über solche Themen zu sprechen. Irgendetwas sagt mir, dass "Nein" keine zulässige Antwort ist. Ich denke an Sapphire? Kaiser? Cheza - lasse all die Kompliziertheit außenvor - und bejahe ihre Frage.

Ich bahne mir einen Weg durch das Brombeerdickicht und gelange über den Trampelpfad auf eine asphaltierte Straße. Nun, wo die Bäume nicht länger die Sicht versperren, kann ich nach oben in einen absurd schönen Sternenhimmel schauen. Ich fühle mich wie der einsamste Mensch auf dem Planeten. Wieso weiß ich nicht, wohin ich gehen soll? Wieso finde ich keinen Weg nach Hause? Ich kann bloß (m)eine Wohnung aufsuchen, die auch nach fünf Jahren kein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Das tut nur Cheza.

Das Umschalten klappt. Manchmal weiß ich nicht mehr, wer ich bin. Wahrscheinlich sollte ich aufhören, mir den Stempel "Kaputt" aufzudrücken. Alles, damit sich meine kompetente Seite mir... Zugehöriger anfühlt. (Nicht darüber nachdenken, was das für eine Bedeutung hat. Nicht darüber nachdenken, wie unfair diese Sache ist. Nicht. Darüber. Nachdenken.)

Mittlerweile bin ich völlig leergeweint; wenn ich mich jetzt randvoll mit Ablenkung fülle, dann halte ich auch durch, bis... Ja, bis wann eigentlich? Bis ich am Wochenende Zeit habe für einen kompletten Zusammenbruch? Bis ich's in eine Schublade mit der Aufschrift "Lappalie" gesteckt habe? Und darauf vertraue, dass auch drin ist, was an der Außenseite dran steht? Keine Ahnung.

Sonntag, 26. September 2021

(K)ein Sinneswandel

[evtl. Triggerwarnung bzgl. Essstörungen]

26.09.20 21:56 Uhr: Heute ist ein guter Tag, um dein Leben zu ändern.
Wir feiern Geburtstag. Heute. Mein Opa wird 81 Jahre alt. Im ganzen Haus riecht es nach Pflaumenkuchen und ständig klingelt das Telefon. Was niemand am Kaffeetisch weiß: dieser Tag ist auch für mich eine Art Geburtstag. Zwar ist mein richtiger Geburtstag erst im
Frühjahr - aber. Heute. Wird mein "neues" Leben offiziell drei Jahre alt. Und was tue ich? Ja. Genau. Ich trete es mit Füßen. Ein wenig mehr Dankbarkeit würde mir schon ganz gut stehen. Aber ich kann nicht. Und weil Kuchen essen und aus dem Fenster in den Garten schauen mich an Cheza erinnert... werde ich extra-melancholisch. Weil sie nicht da ist. Weil ich sie nicht anrufen kann. Weil ich sie nächste Woche eventuell anrufen könnte und genau das eventuell definitiv n i c h t tun sollte. Und weil ich weiß dass ich sowieso keine Wahl habe.

Den Rest des Tages verbringe ich am Schreibtisch. Ich muss viel für die Schule tun - viel viel zu viel. Noch vier Wochen. Dann habe ich an den Wochenenden vielleicht auch wieder Zeit für andere Dinge. Bis dahin... ist mir voraussichtlich vom ganzen Stress regelmäßig kotzübel und meine Wohnung ist ungefähr so aufgeräumt wie mein Kopf. Also gar nicht.
Positiv zu bemerken ist: ich habe (endlich) einen Therapieplatz. Muss bloß erst zum Arzt um so einen Wisch ausfüllen zu lassen. Verstehe auch noch nicht so ganz warum diese Therapeutin sich das antun will. Und überhaupt bin ich ein bisschen verwirrt. Von allem. Aber ich habe beschlossen: es muss sich etwas ändern. Die letzten Monate - das letzte Jahr - dürfen sich nicht wiederholen. Ich meine - ich habe das schon so so oft versucht. Und bin jedes Mal daran gescheitert. Vielleicht scheitere ich dieses Mal auch. Aber. Das ist immer noch besser als es gar nicht mehr zu versuchen.

26.09.21 14:59 Uhr: Reflexionen
Heute vor vier Jahren habe ich keinen Sinneswandel vollzogen. Es liest sich vielleicht ein bisschen so, wenn ich von meinem "neuen Leben" spreche. Aber erst kamen die Zwangsmaßnahmen - gegen die ich mich "natürlich" aufgelehnt habe: beispielsweise habe ich mein Esstagebuch "aufgebessert" und bei der Gewichtskontrolle beim Arzt geschummelt - und erst ein halbes Jahr später habe ich den Entschluss gefasst für mich etwas gegen meine Essstörung zu tun. Und nicht nur, weil mein Umfeld das so wollte. Zu dem Zeitpunkt habe ich immer noch versucht, dem Gesundwerden meine Regeln zu diktieren. Ich will zwar gesund werden, aber nur wenn ich am Ende nicht mehr als xx Kilo wiege. Ich will zwar gesund werden, aber für den Fall, dass ich mal ein Mittel zur Emotionsregulation brauche, spare ich mir ein bisschen meiner Essstörung auf. (Spoiler: das funktioniert so natürlich nicht.)

Der ganze Stress 2019 hat der "Operation Recovery" dann einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Ich hatte gerade genug Kraft übrig, um die Krankheit irgendwie in Schach zu halten. Mehr nicht. Und dann hat sich 2020 irgendein Schalter umgelegt. Ich kann den Zeitpunkt nicht benennen und kenne auch keinen expliziten Grund, der dazu geführt hat - aber seitdem läuft es mit dem Essen. In Extremsituationen muss ich immer noch aufpassen, dass ich nicht rückfällig werde - aber mittlerweile kenne ich die Frühwarnzeichen. Ich kann die Gedanken besser hinterfragen, und die Tür, in der die Essstörung jahrelang noch einen Fuß hatte, bleibt fest verriegelt.

26.09.21 18:34 Uhr: Reflexionen II
Der Sinneswandel war also mehr ein Prozess, aber trotzdem hat dieser 26. September für mich eine Wichtigkeit. Wäre dieser Tag vor vier Jahren nämlich nicht genauso abgelaufen, wie er nun eben ablief, hätte ich mich wahrscheinlich mit ganzen Kräften weiter der Selbstzerstörung gewidmet. Habe ich aber nicht; stattdessen bin ich hier, und nach dem obligatorischen Kaffee bei den Großeltern ist dieser Tag auch immer für ein wenig Selbstreflexion reserviert.
Was habe ich erreicht? Wo will ich vielleicht noch hin, was sind die nächsten Ziele? Inzwischen ist das wohl mehr ein Finetuning - die Essstörung ist im Alltag nicht mal mehr Hintergrundrauschen - aber so ganz aus dem Blick lasse ich das Thema (noch?) nicht. Ich weiß nicht, ob das irgendwann möglich sein wird, dazu spielen zu viele Faktoren in die ganze Sache mit rein. Schließlich ist die Essstörung auch immer "nur" ein Symptom. Mittelfristig gibt es wohl auch noch einige... tieferliegende Dinge, die der Veränderung benötigen. Aber dazu ist jetzt mit dem Umzug und dem ersten Job nicht der richtige Zeitpunkt.

Was nun den ersten Absatz angeht: ich trete dieses Leben nicht mehr mit Füßen. Ja, da ist mehr Dankbarkeit; manchmal bis an den Punkt, an dem sie mir zu den Ohren wieder
rauskommt - und mittlerweile bin ich nicht mehr nur meinem Team dankbar. Ich weiß, dass diese Menschen viel für mich getan haben, aber i c h habe eben auch viel für mich getan. Es gab so viele Situationen, die ich alleine meistern musste: ich werde nie vergessen, wie ich mir auf der Toilette im Theater die Augen aus dem Kopf geweint habe, weil ich nicht mehr konnte. Da hat mich keiner an die Hand genommen; ich selbst musste irgendwie die Verzweiflung beiseite fegen und mich wieder an die Arbeit machen. Vielleicht war es auch ganz gut, dass ich nicht wusste, wie viel Arbeit da überhaupt auf mich zukommt. Dann hätte ich diesen Schritt wohl nie gewagt. Aber nun, mit dem Wissen darüber, wie g u t es werden kann, würde ich es immer wieder tun. Weil das vorher kein Leben war; ich saß 8 Jahre lang in einem Käfig fest und war mit Sterben beschäftigt. Ich habe die Freiheit erst auch nicht gewollt, das muss ich
zugeben - nach einem Jahr Krankheit stand ich (aus freien Stücken!) schon in einer Klinik auf der Matte, die auf Essstörungen spezialisiert war. Und dann habe ich nen Rückzieher gemacht. Habe mich auch geweigert, mit meinem ambulanten Therapeuten daran zu arbeiten.

Mittlerweile habe ich Blut geleckt - im positivsten Sinne. Natürlich gibt es noch Situationen, in denen das Konzept von "Freiheit" mich zu Tode ängstigt. Aber die Zeit der Gefangenschaft ist vorbei. Ich lasse mich nie wieder in Ketten legen. Und ich hoffe, dass ich diesen Text nie brauchen werde, um mich daran zu erinnern. 

Samstag, 3. April 2021

Paranova

Die Essstörung lauert im Hintergrund, gleich einem Assassinen. Lautlos, schleichend, mir-auf-Schritt-und-Tritt-folgend. Sie duckt sich und macht sich zum Sprung bereit, sobald ich Nachlässigkeit zeige. Der Gegensatz: Bilder aus der Vergangenheit. Diese warten nicht erst auf den passenden Moment, sondern überfallen mich aus dem Nichts. Ich kann den Erinnerungen nicht entkommen - nicht alle sind schlecht, aber: Da. Ist. Zu. Viel. In meinem Kopf.
- Omnos, Sekiro. Dawn. Fynneck; dabei ist das so nie passiert. Mehr Sekiro. 
- Kaiser & das Gefühl auf Wolken zu laufen. 
- Kaiser & das Gefühl ganz allein auf einem Ozean zu treiben.
- Mittwochnachmittage. Aber ich finde nicht an mein Ziel; bin noch immer alleine. In einer Stadt, die mich zu verschlingen droht. Ich träume uns: an einen See in der Sommersonne, an einen Strand in Griechenland, in eine schneebedeckte Weite und auf ein Kreuzfahrtschiff; aber wenn sie mich in der Nacht nicht verlässt, muss ich gehen im Morgengrauen.
- Wieder Fynneck. Ich lasse ihn auf einem Friedhof zurück, zwischen fremden Gräbern und getrieben von Panik. In die aufsteigende Verzweiflung mischt sich Scham.

Ich sollte wissen, wo. Ich sollte es wissen.

- Doch das tue ich nicht. Ich kann auch nicht um Hilfe bitten. Dazu wiegt der Vorwurf zu schwer in seinen Worten; im Stich gelassen. "Enttäuschung" in fünf Silben.
- Ich kehre zurück in der Nacht. Das Licht ist golden und fällt durch das Küchenfenster. Nach dem Aufwachen weiß ich nicht mehr, wer ich bin. Weiß nur, dass ich nicht zurückkehren kann.
- Noch mehr verlorene Orte: mein Platz am ersten Tisch rechts. Mein Platz in der Mitte des Parketts. Mein Platz auf einer Bank am Fluss. Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich meine Freiheit eingetauscht gegen eine Art der Zukunft, die leistungsgesellschaftskonformer ist.
Jetzt, so kurz vor dem Ende, ist mir, als könnte ich einen Fehler begangen haben, aber ich kenne die Alternative: Staub an den Fingern und ein mit Nadeln gefüllter Mund.
Alleine. Bis an mein Lebensende.

When the stage is set, the line is drawn
The curtain's up, the lights are on
And you're on your own
When the fever's set, the crowd is hot
The gloves are off, the knives are out
And you're on your own
Antimatter - Paranova

Freitag, 2. April 2021

in a garden, in a hand, lies a key to shadowland

In the sediments of light
In the comfort of a knife
You hold your breath
And pray to God it won't take long
Kamelot - The Pendulous Fall

Es ist an der Zeit. An der Zeit, die Türen zu schließen. Die Türen zu schließen und sich auf den Weg zu machen. Ich. Aber. Bin zur Salzsäule erstarrt. Neben dem Bett; unfähig zur Bewegung. Alles, was ich tue ist: hinsehen. Ich muss hinsehen, auch wenn es so so so so falsch ist. Ich sollte gehen, aber vielleicht sind wir beide schon längst nicht mehr wirklich hier. Ich weiß, dass sie es nicht ist. Sie ist an einem Ort, an dem ihr nichts geschehen kann; an dem der Schmerz gewollt ist: Licht fällt durch die Fenster. Und Blut auf die Treppenstufen. Ich muss j e t z t gehen, denn wenn die Erinnerung schwindet, wird auch mein Körper beginnen, sich aufzulösen. Aber gehen bedeutet, sie alleine zu lassen mit ihm - bitte, lass es mich verhindern, nur ein einziges Mal - als würde das in meiner Macht liegen. Also wende ich mich endlich ab, schließe die Türen, und erst am Bahnsteig wird mir bewusst: wohin soll ich denn gehen? Da ist nur das zweite Nicht-Zuhause; was Freiheit werden sollte, ist nun nicht mehr als die klaustrophobisch-luftleere Enge meines Kleiderschranks. Nicht mehr als die Kälte der Fliesen; wozu tanzen, wenn selbst die leise Melodie, die der Selbsthass spielt, übertönt wird vom Rauschen in meinen Ohren? Und dann falle ich, denn Arroganz ist der Untergang der Seiltänzerin. Wir beide fallen; ich durch Raum und Zeit, sie vor mir auf die Knie. Und ich verzeihe ihr, als ich erkenne, dass ihre einzige Verfehlung war, zu glauben, als sie dachte. Gemeinsam stehen wir auf - endlich Licht, mehr Licht - und auch wenn es draußen dunkel ist, ist es hell im Inneren. Mir gelingt es, die letzten Dissonanzen aufzudecken - in dieser Realität existiert ein Zuhause. In mir.

Samstag, 20. Februar 2021

remembrance day

[Triggerwarnung bzgl. Esstörung & SVV]

1. Spoiler: Dieser (viel zu inzwischen gar nicht mehr so lange) Post ist ein Sammelsurium unterschiedlichster Dinge langweiligster Art. Mit anderen Worten: nicht lesenswert. Zeitverschwendung. (Bis auf den Song. Der Song ist wirklich gut. Zumindest, wenn man ein bisschen was für (Post) Rock übrig hat.)

2. Wir starten damit: vielleicht sind diese Wochenend- tatsächlich eher Winterdepressionen (gewesen). Oder es ist Zufall, dass ich mich bei Sonnenschein, 15°C und Vogelgezwitscher so fühle, als sei eine zentnerschwere Last von mir gefallen. (Bloß dass ich mich - wie immer eigentlich - nicht darauf verlassen kann, dass das so bleibt.)

3. Die Essstörung versucht, Zicken zu machen. Wenn ich schon nicht mehr Kalorien zähle, dann sollte ich doch immerhin Makros tracken, mehr Proteine/weniger Kohlenhydrate zu mir nehmen bla bla bla. Weil mein Essverhalten die letzten drei Wochen einfach nur miserabel gewesen ist. (Rein objektiv gesehen stimmt das sogar. Es war schonmal besser.) Sowieso bin ich ja auch in der letzten Zeit einfach nur "fett" geworden und sollte am Besten 10 Kilo abnehmen. Besser noch: 15 Kilo. Äh. Ja. Wie wäre es mit - N E I N? Zu jedem dieser "Vorschläge"?

4. Die "remembrance week" in diesem Jahr gut überstanden, auch wenn die Erinnerungen sehr... präsent gewesen sind. An das, was vor mittlerweile 11 Jahren passiert ist. Ich habe mich das erste Mal in meinem Leben selbst verletzt, und mir war schnell bewusst, dass das nicht "richtig" ist (auch wenn es sich in dem Moment so angefühlt hat) und dass ich Hilfe brauche. Also habe ich Aphelios davon erzählt - und für unsere "Beziehung" war das der Anfang vom Ende. Eigentlich hatte ich einen Post geschrieben über diesen Tag, aber weiß nicht ob der noch online kommt. Vielleicht hier ein kurzer Auszug, und gut is.


5. "Ich kann nur ihn ins Vertrauen ziehen. Also tue ich das, was ich seit Monaten sowieso nicht mehr aus meinem Kopf kriege: ich gehe nicht. Ich weiß noch, wie besorgt er mich anschaut; er fasst mich am Arm, weil er möchte, dass ich mich hinsetze. Wahrscheinlich hat er Angst, dass er mich sonst vom Boden aufsammeln muss. Aber. Hier können wir nicht reden. Also bringt er mich an einen Ort, von dem ich nicht wusste, dass es ihn gibt. Ich erinnere. Das Geräusch meiner Schritte. Im Treppenhaus. Überdeutlich. Er sitzt dann da. In seinem roten Pullover
[rot; auch überdeutlich] und sagt lediglich Oh. Ich weiß nicht genau w a s ich mir erhofft hatte; jedenfalls mehr als Interjektionen. Die nachfolgende Stille bringt mich fast um. Rückblickend wird klar: dieser Moment ist der Anfang vom Ende. Er ist der Meinung, dass ich professionelle Hilfe brauche - damit hat er völlig Recht - aber ich verstehe einfach nicht. Wieso ER mir denn nicht helfen kann. Wieso es IHN denn nicht kümmert. Ich habe mich doch IHM anvertraut. Wieso schickt er mich weg?

6. Bis zu diesem Augenblick im Februar 2010, als die Wunden auf meinem linken Arm mir eindeutig das Gegenteil beweisen, konnte ich mir immer einreden, dass in meinem Leben "alles in Ordnung" sei. Aber plötzlich war das nicht mehr der Fall. Gar nichts mehr war in Ordnung. Ich erinnere mich erst JETZT an all die Momente, in denen ich früher aber schon den Eindruck hatte dass irgendetwas (mit mir) nicht stimmt. Das erste Mal vielleicht so in der 2. Klasse. (Ich würde Keara [Freundin die ich seit dem Kindergarten kenne] brauchen, um diese Erinnerungen in einen sinnvollen Zusammenhang zu setzen, aber dann müsste ich zugeben, dass ich all diese Dinge aus unserer Kindheit einfach nicht weiß und das geht nicht.) 

7. In diesem Absatz ging es eigentlich um die nächsten vier Wochen. Featuring:
(Planmäßiger) Praktikumswechsel. Neue Stelle. Pendeln. WG. Introvertiertheit. Besorgnis. Zug fahren. Therapie. Wochenenden. Menschen. Aber irgendwie war mir das dann doch zu persönlich. Also belasse ich es bei ein paar Schlagworten. 

8. Was mit Cheza. Nach ein paar Überlegungen packe ich das aber nicht mehr hier rein. Irgendwie passt das nicht.

Sonntag, 31. Januar 2021

Korrupte Intervention

[Triggerwarnung bzgl. Essstörung]

Ich muss zurück. Ab morgen. An den Ort, an dem alles angefangen hat. (Besser gesagt: mein (neues) Leben.) Der Gedanke erfüllt mich mit so vielen Gefühlen, und ich kann keines davon zuordnen. Es ist nicht der Ort an sich; ich war bloß eine andere Person damals. Mit anders meine ich: so krank wie zu keinem Zeitpunkt zuvor. September 2017 ging alles so schnell abwärts, dass sie Maßnahmen ergreifen mussten, um mein Leben zu retten. Ich habe alles daran gehasst. Das Essen. Die Dokumentation darüber, wann und was und wie viel und. Die Gespräche. Jede. Einzelne. Woche. Die Kontrolltermine. Die Nadel in meinem Arm und die Kommentare der Arzthelferinnen. Das Attest, das mir bescheinigt, dass ich tatsächlich dort gewesen bin. Camille, die all das in einem Ordner sammelt.
Natürlich habe ich Widerstand geleistet. Widerstand ist quasi mein zweiter Vorname. Nein - da Ria übersetzt (unter anderem) die Widerspenstige bedeutet, kann ich guten Gewissens sagen: Widerstand ist mein Name. Mit einem eher schlechten Gewissen denke ich an all die Lügen, die ich erzählt habe. Jahrelang. Cheza ist die einzige Person, die ich nicht angelogen habe. Nie.
[Zwar habe ich ihr meine Gefühle verschwiegen. Aber das ist eine andere Geschichte.] Gehasst habe ich trotzdem, wie sie mir die Worte in den Mund gelegt hat.
Es hat dann noch ein halbes Jahr gedauert - in dem ich nicht tot, aber längst noch nicht lebendig gewesen bin. Ich bin mitten in der Zeit verloren gegangen. Eine Mischung aus Dissoziation und einem Körper, der einfach nicht mehr kann. Dann habe ich den Widerstand aufgegeben. Und angefangen, f ü r mich zu arbeiten, weil ich ein Ziel gefunden hatte. Eben an besagtem Ort; ein Ort an dem Schmetterlinge in Köpfen und Pyramiden auf der Zunge eines Mannes existiert haben. Das Schlimmste jedoch ist: der Ort erinnert mich nicht nur an die Version von Ria, die damals existiert hat. Wie durch Zufall ist er räumlich nah dran an etwas... das beendet, aber nicht vorbei ist. (Cheza. Wieso muss Cheza sich eigentlich überall einmischen?)
Die Entfernung lässt sich nicht in Metern oder Minuten, sondern besser in Schritten messen. Das ist eindeutig zu nah dran. Wie soll ich mich zurückhalten? Wenn es so einfach wäre, vor ihrer Tür zu stehen? Und auch andere Dinge - Dinge, die niemand tun würde, der noch einigermaßen bei Verstand ist - werden plötzlich viel zu einfach. Viel zu einfach auch in der Dunkelheit. Andererseits: ich habe jahrelange Übung darin, mich Cheza gegenüber zurückzuhalten. Ich habe Zurückhaltung quasi perfektioniert. [Trotzdem bin ich viel zu viel. Aber das ist auch wieder ein anderes Thema.] Außerdem habe ich gar keine Wahl, und die Tage lassen sich ja auch an... vier Händen abzählen. Das wird schon. Das wird schon.