Mittwoch, 23. September 2026

L'Adieu

 I. Die Ausstellung ist [...] Zeitverschwendung.

Wirklich. Man muss das schon erklärt bekommen, sonst versteht man nichts davon. Da sind nicht einfach Bilder drin, oder Skulpturen, und man denkt sich: ah, hübsch. Oder wahlweise: das hätte ja meine Katze besser malen können. 

Natürlich gibt's nen Audioguide, den müssen Sie nicht mal bezahlen, der ist gratis. Der ist allerdings auch verfasst von einer Person, die nicht bekannt ist mit Kohärenz. Also: nicht hilfreich.

(Die Snacks sind auch gratis. Ich meine: der Snack. Es gibt Popcorn - das ist süß UND salzig, gleichzeitig, gemischt, und wenn Sie möchten, kann das gerne eine Metapher sein für das Leben. Es ist aber eigentlich nur, wie ich Popcorn esse.)

An der Garderobe ist kein Platz. Da hängt genau eine Jacke. Hunderte Haken sind noch frei. Aber nein, Sie können Ihre Jacke nicht mit dazu hängen - diese Jacke dort hat die Farbe von Sonnenblumen und ist ein bisschen flauschig; es ist eine Drinnen-Jacke, keine Draußen-Jacke. [...] (Außerdem ist da keiner, der Ihre Jacke entgegennehmen würde. Aber irgendjemand m u s s dort gewesen sein; da steht ein Teller mit Kuchen, Kirschkuchen, genauer gesagt, der ist halb aufgegessen - ganz bestimmt ist das auch eine Metapher, darüber, wie ich Dinge nie zu Ende bringen kann.) Ach ja, daneben haben wir ein Geschenk, das eingepackt ist in dunkelblaues Papier. 

Die Garderobe ist Ausstellungsstück A; ich nenne es: Komplementärkontrast. Gehen Sie durch die Tür daneben, hängen in dem Raum überall diese Tauben, die Picasso gemalt hat, und da sind Personen, die diese ganz andächtig betrachten, so mit auf den Rücken verschränkten Armen. Jede dieser Personen hat eine Maske auf. Es ist ein bisschen creepy, aber Sie müssen da leider durch, durch die nächste Tür, dahinter ist's ein bisschen wie im Planetarium, suchen Sie sich nen Sessel aus, lehnen Sie sich zurück, Sie sehen: das Regengestirn, den Aldebaran, die Plejaden - der ganze Himmel ist voll davon, Sie sehen nichts anderes. Sie hören: Constellations von Enter Shikari. Sie möchten nie wieder raus gehen. 

Sie können gerne noch bleiben. Aber nicht länger als 18 Uhr. Sie verlassen den Raum durch einen Windfang, der vorher nicht da war, und - hey, wie gut, dass Sie Ihre Jacke noch
tragen - ein kleines Stückchen geht's draußen durch den Garten. Der Garten ist wunderschön. Der Garten stirbt, schließlich ist es Dezember. Sie schauen trotzdem hin. Aber nur, weil Sie es nicht ertragen, [Cheza] anzuschauen. (Sie ist noch schöner. Als der Garten. Und alles, was da blühen würde, wäre es Frühling, oder Sommer, oder meinetwegen auch Herbst - da blühen dann Dahlien, und das sind meine Lieblingsblumen, und ich mag [ausgeklammert weil wegen Internet] nicht mal besonders gerne, aber -

Aber wie soll ich das in Worte fassen? Wie ich an [Cheza] denke, und an ihre Haare, ihre Augen, ihre Hände - ganz so, als sei ich, ja, vollkommen übergeschnappt, aber keine Angst, das müssen Sie nicht verbalisieren. Es reicht, wenn Sie sich eine Notiz dazu machen. Notieren Sie sich: Gehirnwäsche, denn wie könnte ich sonst? [...]

Wohin möchten Sie als Nächstes? Oh, d i e Tür da? Die siehst so anders auch, nicht wahr? Da gehen Sie durch, und dann noch durch sechs weitere, aber eigentlich können Sie sich den Weg sparen. Die letzte Tür wird verschlossen sein. Auf dem Schild daneben steht lediglich: Freitag. Ja, ich meine, Sie könnten durchs Schlüsselloch schauen. Aber ich weiß nicht so genau, was Sie dann sehen würden. Vermutlich steht die Welt dahinter in Flammen. Vermutlich ist das besser.

Also, machen Sie sich die Mühe besser gar nicht. Wir könnten hinauf gehen, in den ersten Stock. In den Raum, in dem immer die Sonne untergeht. Dort könnten Sie sich dann setzen, und eine Tasse Tee trinken. Dabei gibt es nur eine Regel: Sie müssen den Henkel so fest umklammern, dass Ihre Fingerknöchel weiß hervortreten - kriegen Sie das hin? Besser noch, wenn Sie die Zähne aufeinander beißen, sodass Sie's im ganzen Kiefer spüren, denn auf gar keinen Fall dürfen Sie den Mund öffnen, denn dann würden Sie etwas sagen, dass Sie garantiert bereuen werden. Nein, Sie haben Recht, Sie werden diesen Tee nicht wirklich trinken, der ist eher eine Art Requisite - ich hoffe, Sie sind nicht allzu sehr enttäuscht. Um unbefangen eine Tasse Tee zu trinken, braucht es ein Paralleluniversum - nach den ersten Schlucken gestehen Sie [Cheza] dann aber auch Ihre Gefühle, und wahrscheinlich ist es dann schon vorbei mit der Unbefangenheit. 

Wir gehen besser wieder, was? Schauen Sie, hier, in diesem Zimmer, hängen die Wände voll mit Buchseiten. Im Nachbarraum sind die Bilder untergebracht, die ich für [Cheza] gemalt habe. Im Zimmer daneben - ja, das sieht verdächtig nach einigen meiner Tattoos aus, das haben Sie gut erkannt. Hier sehen Sie Sterne, und noch mehr Sterne, einen Dolch, eine Briefmarke, und über dem Ausgang steht: et souviens-toi que je t'attends. Nein, das kann ich Ihnen nicht übersetzen, das wäre völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Ich glaube, für französische Gedichte, die vor mehr als 100 Jahren entstanden sind, gibt es hier irgendwo auch einen eigenen Raum. 

Lassen Sie mich gerade einmal auf den Plan schauen? Ah, wie habe ich d a s vergessen können: kommen Sie mal mit um die Ecke, hier finden Sie eines meiner Lieblings-Ausstellungsstücke. Ja, ich weiß, das ist ein Beet; Sie müssen die Osterglocken noch pflücken und dann in die kleine blaue Tasse da stellen, dann ist es fertig. Wenn Sie möchten, nehmen Sie danach einen von den Blaubeer-Muffins - da sind allerdings Mandeln drin; sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. 

Zum krönenden Abschluss präsentiere ich Ihnen: mein Wohnzimmer. Bleiben Sie bitte einmal genau h i e r stehen - Sie müssen bloß aufpassen, dass Sie nicht gegen die Bücherstapel stoßen, und ich setze mich schnell da rüber und lese Ihnen folgenden Text vor: [...]

xxxxx

II. Auszug aus einem Textgebilde, das fast eine Mail an meinen Therapeuten geworden wäre, haha. Ich würde euch viel Spaß wünschen, aber ihr seid mit dem Lesen ja schon fertig, also wünsche ich viel Spaß gehabt zu haben, falls Syntax es mir erlaubt. (Ich hab das noch kommentieren wollen, das ganze Gebilde, aber das lief dezent aus dem Ruder, jetzt bin ich zu müde, und überhaupt machen es mehr Worte an der Stelle wahrscheinlich auch nicht besser, also bleibt das jetzt so. Falls ihr wider Erwarten noch mehr wissen möchtet, müsst ihr euch doch den Audioguide runterladen. Ich verbleibe: mit vielen Grüßen aus meinem Museum.)

Dienstag, 15. September 2026

alveola

lungs full of colour, still breathing
you hide inside the capillaries
teeth sharp as diamonds, eyes like tourmaline,
clutching your own strings

oh, it's beautiful you're so aware
too bad i can't have a dance with you
not as long as your dress is
still stained with blood

yes, and this firebrand will leave a mark, too
please hand over your licence and vacate the perimeter
don't worry, we will meet again just outside
this time, i have brought my carving knife

i heard someone is in need of a spine.

Montag, 14. September 2026

pleiades

i abandoned control somewhere between ice-cold clouds
came back just to disappear without a trace
afraid that silver-eyed demons might have spoken the truth:
there's nothing left underneath the violence - the only beauty lies in decay

for years, i answered in blood, til i forgot the question
i created an image, ate all my feelings, a slave of a love-infected heart
tried to drown out the voices, still sharing a bed with ghosts of the past

walked with selene hand in hand, but never in daylight;
the vampiric assassin of my own better life
crumbled city walls between the tips of my fingers
fought a knight in fcking shining armor,
then stepped outside, the destruction

to choose the moon instead of a brain,
cause where the hell had thinking ever led me
chose the stars for eyes, so i could see her in heaven
never found a cure for love, never will

Freitag, 11. September 2026

anti/gravity

I. Der Atlantik ist mitternachtsblau und bricht sich in türkisen Wellen an den Klippen. Weiße Gischt sitzt wie eine Krone auf den dunklen Kämmen. Ich denke (trotzdem) an Deine (grünen) Augen. Paradox ist meine Normalität.

Und ich habe aufgehört, die Strichliste zu führen - schon bevor ich überhaupt angefangen hatte. Im Kopf bin ich bis fünf gekommen, vielleicht, dann dachte ich nur: fck my life. Und hab es akzeptiert; fühle mich deswegen nicht schuldig. Ich wünschte niemanden weg. Ich würde auch nicht tauschen wollen. Ein Zuhause habe ich in einem anderen Leben. In diesem bin ich ohne Dich glücklich, irgendwann.

II. (Aber das stimmt nicht. Ich würde, wenn ich könnte. Immer. Nur manchmal zögere ich.)

III. "Ich bin wegen Dir hier" denke ich. Hier, irgendwo auf dem Atlantik, bin in Morro Jable auf ein Boot gestiegen. Hier: überhaupt noch irgendwo auf dieser Welt. Bin ich nur noch wegen Dir. Und Du? Bist nicht mehr da, und ich kann's Dir nicht erzählen: dass ich gar nicht seekrank geworden bin, heute schon weiße Dünen, tiefblauen Ozean, und darin sogar Delfine gesehen habe. Kurz danach war ich kurz davor zu beschließen, dass Du tot bist. Weil die Geschichte sich so einfacher erzählen ließe; ich nichts für das Ende könnte. Aber ich will nichts mehr, als dass es Dir gut geht. Also hoffe ich, dass das so in Ordnung ist für Dich. Falls nicht: you know where. *

IV. Das Meer ist irgendwo unter einer Wolkendecke verschwunden. Ich starre auf die Innenverkleidung des Flugzeuges, die in einem lebensbejahenden Grau gestaltet ist, und denke trotzdem an Dich. Ich werde in meinem Leben wohl nie in ein Flugzeug steigen können, ohne daran zu denken, wie Du mir erzählt hast, dass Du überlegt hattest, Stewardess zu werden. Also sitze ich da, umgeben von Grau und Fremdheit, und stelle mir vor, wie Du wohl aussehen würdest in weißer Bluse und schwarzem Blazer, mit Zopf und Halstuch. 

V. Was tue ich denn eigentlich hier. FCK. 

VI. Und ich bin wegen Dir hier; auch wenn ich hier bin mit nem Kopf voller Gedanken, die vielleicht falsch sind, weil ich sitze hier neben Kätzchen, und wtf am I doing. Wenn Trauer bloß Liebe ist, die nirgendwo mehr hingehen kann, werde ich niemals aufhören damit. Ich wüsste nicht, wie - und ich wüsste nicht, ob ich wollte. Vielleicht, wenn ich Dich irgendwann aus mir heraus gesprochen habe, in winzig kleinen Stückchen, dann. Vielleicht höre ich dann auf mich so zu fühlen, als sei ich auf der Suche nach etwas, von dem ich weiß, dass ich es sowieso nie finden kann, weil es nur in meiner Vergangenheit existiert. 

* If you wanna break free, you know where to find me
If you wanna break free, you know where, you know where
Starset - Antigravity

Donnerstag, 27. August 2026

re: double feature

she is not the architect; she's the architecture
she's in the walls, the ceiling, the basement - and she is not alone
you are there - not the architect, either;
this is not a place to create, you are but allowed to admire

you are there, frozen, you can't get any closer -
try to leave, but you won't be able to open all these doors
that's what she does - she likes you best when you're like a ghost:
transparent, only she can see you,
and every time she looks away, you just cease to exist
your future. is viole(n)t. or nothing at all.

and you don't know it yet -
even if you did, it wouldn't make a fucking difference,
cause you don't get to choose -
but nothing would be better than rotting away in this prison, forever.

Montag, 17. August 2026

Nimmersatt

Indigo - Arcane Roots
Broken - The Haunted Youth
Rescue Me - Thirty Seconds To Mars
Rain - Sleep Token
It's All So Incredibly Loud - Glass Animals
Au Revoir - One Republic
More Than You Know - Axwell /\ Ingrosso
Exoskeleton - VANT

Wir haben nie wieder über das Buch gesprochen. Weil ich den Teil so gerne vergessen wollte. Und vielleicht kann man die Entscheidung rückgängig machen - ganz gewiss kann man das, aber das heißt nicht, dass ich auch meine Gefühle ungefühlt machen kann. Miserabel habe ich mich gefühlt. Und dann dachte ich, dass das wieder in Ordnung kommt. Und jetzt?

Ich hänge an Dir. Aber ich häng' an nem seidenen Faden. Mit Händen, geschickt genug, sich nen Strick draus zu drehen. Aber das realisierst Du auch nicht. Wie auch. Du realisierst ja auch nicht, wen Du da eigentlich an Deiner Seite hast. Oder es ist Dir schlichtweg egal? Oder. Soll das so sein? Wasauchimmer: es frisst meine Energie wie eine nimmersatte Raupe. Könnten wir aufhören, bitte? Vielleicht kriegen wir's nicht ungefühlt, aber für den Anfang trennen wir die Seite mit den Songs einfach raus, und wenn wir dann auch noch mein Herz flicken, damit es nicht mehr so viele Löcher hat, musst Du niemals wieder zuhören. Oder ist es das, was noch helfen kann an diesem Punkt: Worte? Ich weiß es nicht. Denn was weiß ich schon?