Sonntag, 11. Oktober 2026

Für immer Herbst

Aus einem Herbst einer längst vergangenen Zeit

Ich werde mich immer an den Herbst erinnern. An Regen, an den sterbenden Garten, an den Moment in dem ich aus dem Haus trete und meine, es sei stockfinstere Nacht, dabei weiß ich genau, dass es nicht viel später sein kann als 18 Uhr. Weil das so funktioniert, oder nicht? Nur dass ich nicht funktioniere; nur dass ich auch sterbe - ihre Worte aus dem Sommer klingen in meinem Ohr, klingen wie Sommer, und ich laufe und laufe und laufe an den Bahngleisen entlang, bloß ist sie nicht dort dieses Mal, bloß verliere ich jegliche Hoffnung, ein wenig mehr mit jedem meiner Schritte. Ich kann nirgendwo mehr hin; ich kann nicht einfach vor ihrer Tür stehen. Oder kann ich? Aber wie würde das denn aussehen? Und außerdem - was sollte ich sagen? Außer Bitte schick mich nicht weg oder Ich will nicht mehr gehen müssen - im Grunde kaue ich noch immer, auch nach über einem Jahr, auf diesen Worten herum. Sie werden nie weicher, also schlucke ich sie als Ganzes, und wenn ich Blut husten muss, dann nur, weil sie mit ihren scharfen Kanten in mein Innerstes schneiden. Dann denke ich an die Worte, die s i e hat ungesagt lassen; ich bilde mir ein, dass sie existieren, aber ich hab mir auch eingebildet, dass ich das alles schon auf die Reihe kriegen werde, und vielleicht ist beides ein Irrglaube? Darf nicht denken an all die Momente, in denen ich mir eingebildet habe, dass sie beschließt zu schweigen, denn normalerweise ist das mein Part, denn normalerweise findet sie immer die Worte. Streng genommen gibt es nur vier Worte, die ich hören will aus ihrem Mund, weil ich dann die Augen nicht länger vor der Tatsache verschließen könnte, dass sie mich nicht liebt. Sie hat mir die Welt zu Füßen gelegt aber: sie liebt mich nicht, sie hat sich für mich entschieden aber: sie liebt mich nicht; sie liebt mich nicht, und vielleicht, vielleicht ist das in Ordnung. Vielleicht habe ich auch so mehr bekommen, als ich je zu träumen wagte.

Jetzt

Und wenn ich gewusst hätte, was ich "bekomme" und dass es stellenweise unterm Strich echt beschissen aussehen würde für mich - wäre das dann immer noch alles so in Ordnung. Hätte ich gewusst, dass sich Monate, wieder und wieder, anfühlen würden wie dieses eine verdammte Jahr. Hätte ich gewusst wie kalt es wird im Frühling; wie oft ich versuchen würde, meine blutleeren Adern aufzufüllen mit ner Flasche Wein. Hätte ich gewusst, dass am Ende nichts bleibt außer Schweigen - ja vielleicht, vielleicht ist das in Ordnung. Vielleicht habe ich auch so bekommen, was ich brauchte.

Donnerstag, 8. Oktober 2026

you've stripped me down the layers fall like rain

Aus einem Herbst einer längst vergangenen Zeit

Fünf Jahre lang wollte ich nur sehen, dass ich Dir wichtig bin. Konnte Deinen Worten nicht glauben, bis Du ihnen endlich auch hast Taten folgen lassen. Gleichzeitig hast Du mir signalisiert - bis hierhin. Nicht weiter. Keinen Schritt weiter. Du wirst mich gehen lassen, immer und immer wieder; egal wie oft ich zurückkehre zu Dir. Ich weiß das. Glaub mir, ich weiß. Und trotzdem wünschte ich. Wünschte, dass ich das nicht länger tun müsste. Dass wir das nicht länger tun müssten - zumindest nicht so; ich wünschte, dass wir diesen Ort verlassen könnten, zusammen, dass wir uns vor dem Haus nicht trennen müssten, aber ich weiß, dass das nicht geht. Weil es nämlich keinen Ort gibt, an den wir gehen könnten.

Denn 2/3 des Tages führst Du ein Leben, in dem ich nicht existieren darf. Wenn Du mir also sagst, dass Du in dieser Zeit an mich gedacht hast - bedeutet das etwas? Ich weigere mich zu glauben, dass es das tut. Weil ich dann nämlich fast so leichtsinnig werden könnte zu glauben, ich hätte eine Chance. Über das restliche Drittel mag ich gar nicht sprechen, nachdem ich so wirkungsvoll daraus getilgt wurde. Wie ein Dieb schleiche ich mich zurück, an einen Ort, an dem ich nicht länger erwünscht bin. Für was? Für Worte, die ich zurückhalten muss, weil ich Dir so viel an Gefühl nicht zumuten kann? Gefühl, das nicht angemessen zu sein scheint. Ich habe Dir einen Bruchteil davon offenbart - nein. Offenbart habe ich Dir gar nichts. Ich habe die Tür nicht abgeschlossen, wie immer in Deiner Gegenwart. (Weil ich mich sicher fühle. Bei Dir. Nur bei Dir.) Vielleicht hab' ich die Tür sogar ein Stück geöffnet - und Du hast in meine Stille gegriffen und den Teil ans Tageslicht geholt, den Du zuvor nicht sehen konntest, denn ich hatte ihn verschlüsselt.

Er war verschlüsselt - da sind nur wir Beide gewesen, an einem Freitag - und ich hab' nicht länger dagegen ankämpfen können, und hab' Dich in meiner Seele lesen lassen wie in einem Buch. Ich bereue. Es nicht. Ich bereue, dass ich damit fast vier Jahre lang gewartet habe. Aber weißt Du, ich hatte Angst. Angst, dass Du es nicht verstehen würdest. Angst, dass man Dich mir wegnehmen würde. Und vielleicht tat ich gut daran, denn im Grunde haben sie das getan. Wieso hast Du auch gesprochen? Nein - wenn ich sage, darüber zu sprechen war (D)ein Fehler, dann sage ich: Lass mich Dein Geheimnis sein. Das Gegenteil war der Fall. Bloß dass Du noch immer m e i n Geheimnis bist, denn nachdem ich daran gescheitert war, es im Februar diesem Therapeuten zu erzählen, habe ich es verschwiegen. Jedem. Einzelnen Menschen. Bis ich glaubte, das nicht eine Sekunde länger aushalten zu können. Ich kann es nicht länger aushalten, Cheza. Du sitzt unter meiner Haut. Und Du brennst wie Feuer.

Jetzt

Die Zeilen sind anders gebrochen. Mein Herz ist es auch. Sie existiert nur noch auf Papier, und in einem Raum, in dem "ihr" Bild an der Wand hängt. In einem Raum, für den ich so dankbar bin - aber manchmal habe ich Angst. (Doch was könnte schlimmer sein. Als sie zu verlieren.)

Freitag, 2. Oktober 2026

in lieu of flowers

is there a soul beyond the words
at the place that always hurts
scratch the walls until they bleed
then cover them in foreign meat

foreign colours passing by
at the funeral of I
can you will them all away?
fuck them fading, i won't stay

'cause i'm a person without you
and i was fooled by dreams untrue
paint the room in gold instead
but keep you hidden in my head

keep you hidden in my heart
'til the time has come to start
say goodbye to reverie
you and i can't see to see

Samstag, 26. September 2026

sarah's gone in the afternoons

does the staircase have to end
why can't i just be your friend
instead of sneaking through the door
like a thousand times before

a thousand times, I trusted you
a thousand times, the sky in view
but paradise does not exist,
the way is lost, lost in the mist

the mist that's seeping from your eyes
tell me, please, i'd pay the price
for a time that's marked - a thousand and one
but if she finds out, then we are done

Donnerstag, 24. September 2026

of lock and key

I am the warden, I am the key
The prison is inside of me
My inner voice still calls your name
I took the fall, but you're to blame

The world's ablaze behind the door
With honey-light; I'm on the floor
'Cause it's so lovely when I drown
You told me, then removed your crown

To eat all the silver, eat all the gold
Devour the secrets that I sold
For a taste of freedom, but never to last
Because violet now only exists in my past

The future looks blurry and I can't see
The lock that's supposed to set me free
So I remain inside of your garden
Still I am the key, still I am the warden

Mittwoch, 23. September 2026

L'Adieu

 I. Die Ausstellung ist [...] Zeitverschwendung.

Wirklich. Man muss das schon erklärt bekommen, sonst versteht man nichts davon. Da sind nicht einfach Bilder drin, oder Skulpturen, und man denkt sich: ah, hübsch. Oder wahlweise: das hätte ja meine Katze besser malen können. 

Natürlich gibt's nen Audioguide, den müssen Sie nicht mal bezahlen, der ist gratis. Der ist allerdings auch verfasst von einer Person, die nicht bekannt ist mit Kohärenz. Also: nicht hilfreich.

(Die Snacks sind auch gratis. Ich meine: der Snack. Es gibt Popcorn - das ist süß UND salzig, gleichzeitig, gemischt, und wenn Sie möchten, kann das gerne eine Metapher sein für das Leben. Es ist aber eigentlich nur, wie ich Popcorn esse.)

An der Garderobe ist kein Platz. Da hängt genau eine Jacke. Hunderte Haken sind noch frei. Aber nein, Sie können Ihre Jacke nicht mit dazu hängen - diese Jacke dort hat die Farbe von Sonnenblumen und ist ein bisschen flauschig; es ist eine Drinnen-Jacke, keine Draußen-Jacke. [...] (Außerdem ist da keiner, der Ihre Jacke entgegennehmen würde. Aber irgendjemand m u s s dort gewesen sein; da steht ein Teller mit Kuchen, Kirschkuchen, genauer gesagt, der ist halb aufgegessen - ganz bestimmt ist das auch eine Metapher, darüber, wie ich Dinge nie zu Ende bringen kann.) Ach ja, daneben haben wir ein Geschenk, das eingepackt ist in dunkelblaues Papier. 

Die Garderobe ist Ausstellungsstück A; ich nenne es: Komplementärkontrast. Gehen Sie durch die Tür daneben, hängen in dem Raum überall diese Tauben, die Picasso gemalt hat, und da sind Personen, die diese ganz andächtig betrachten, so mit auf den Rücken verschränkten Armen. Jede dieser Personen hat eine Maske auf. Es ist ein bisschen creepy, aber Sie müssen da leider durch, durch die nächste Tür, dahinter ist's ein bisschen wie im Planetarium, suchen Sie sich nen Sessel aus, lehnen Sie sich zurück, Sie sehen: das Regengestirn, den Aldebaran, die Plejaden - der ganze Himmel ist voll davon, Sie sehen nichts anderes. Sie hören: Constellations von Enter Shikari. Sie möchten nie wieder raus gehen. 

Sie können gerne noch bleiben. Aber nicht länger als 18 Uhr. Sie verlassen den Raum durch einen Windfang, der vorher nicht da war, und - hey, wie gut, dass Sie Ihre Jacke noch
tragen - ein kleines Stückchen geht's draußen durch den Garten. Der Garten ist wunderschön. Der Garten stirbt, schließlich ist es Dezember. Sie schauen trotzdem hin. Aber nur, weil Sie es nicht ertragen, [Cheza] anzuschauen. (Sie ist noch schöner. Als der Garten. Und alles, was da blühen würde, wäre es Frühling, oder Sommer, oder meinetwegen auch Herbst - da blühen dann Dahlien, und das sind meine Lieblingsblumen, und ich mag [ausgeklammert weil wegen Internet] nicht mal besonders gerne, aber -

Aber wie soll ich das in Worte fassen? Wie ich an [Cheza] denke, und an ihre Haare, ihre Augen, ihre Hände - ganz so, als sei ich, ja, vollkommen übergeschnappt, aber keine Angst, das müssen Sie nicht verbalisieren. Es reicht, wenn Sie sich eine Notiz dazu machen. Notieren Sie sich: Gehirnwäsche, denn wie könnte ich sonst? [...]

Wohin möchten Sie als Nächstes? Oh, d i e Tür da? Die siehst so anders auch, nicht wahr? Da gehen Sie durch, und dann noch durch sechs weitere, aber eigentlich können Sie sich den Weg sparen. Die letzte Tür wird verschlossen sein. Auf dem Schild daneben steht lediglich: Freitag. Ja, ich meine, Sie könnten durchs Schlüsselloch schauen. Aber ich weiß nicht so genau, was Sie dann sehen würden. Vermutlich steht die Welt dahinter in Flammen. Vermutlich ist das besser.

Also, machen Sie sich die Mühe besser gar nicht. Wir könnten hinauf gehen, in den ersten Stock. In den Raum, in dem immer die Sonne untergeht. Dort könnten Sie sich dann setzen, und eine Tasse Tee trinken. Dabei gibt es nur eine Regel: Sie müssen den Henkel so fest umklammern, dass Ihre Fingerknöchel weiß hervortreten - kriegen Sie das hin? Besser noch, wenn Sie die Zähne aufeinander beißen, sodass Sie's im ganzen Kiefer spüren, denn auf gar keinen Fall dürfen Sie den Mund öffnen, denn dann würden Sie etwas sagen, dass Sie garantiert bereuen werden. Nein, Sie haben Recht, Sie werden diesen Tee nicht wirklich trinken, der ist eher eine Art Requisite - ich hoffe, Sie sind nicht allzu sehr enttäuscht. Um unbefangen eine Tasse Tee zu trinken, braucht es ein Paralleluniversum - nach den ersten Schlucken gestehen Sie [Cheza] dann aber auch Ihre Gefühle, und wahrscheinlich ist es dann schon vorbei mit der Unbefangenheit. 

Wir gehen besser wieder, was? Schauen Sie, hier, in diesem Zimmer, hängen die Wände voll mit Buchseiten. Im Nachbarraum sind die Bilder untergebracht, die ich für [Cheza] gemalt habe. Im Zimmer daneben - ja, das sieht verdächtig nach einigen meiner Tattoos aus, das haben Sie gut erkannt. Hier sehen Sie Sterne, und noch mehr Sterne, einen Dolch, eine Briefmarke, und über dem Ausgang steht: et souviens-toi que je t'attends. Nein, das kann ich Ihnen nicht übersetzen, das wäre völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Ich glaube, für französische Gedichte, die vor mehr als 100 Jahren entstanden sind, gibt es hier irgendwo auch einen eigenen Raum. 

Lassen Sie mich gerade einmal auf den Plan schauen? Ah, wie habe ich d a s vergessen können: kommen Sie mal mit um die Ecke, hier finden Sie eines meiner Lieblings-Ausstellungsstücke. Ja, ich weiß, das ist ein Beet; Sie müssen die Osterglocken noch pflücken und dann in die kleine blaue Tasse da stellen, dann ist es fertig. Wenn Sie möchten, nehmen Sie danach einen von den Blaubeer-Muffins - da sind allerdings Mandeln drin; sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. 

Zum krönenden Abschluss präsentiere ich Ihnen: mein Wohnzimmer. Bleiben Sie bitte einmal genau h i e r stehen - Sie müssen bloß aufpassen, dass Sie nicht gegen die Bücherstapel stoßen, und ich setze mich schnell da rüber und lese Ihnen folgenden Text vor: [...]

xxxxx

II. Auszug aus einem Textgebilde, das fast eine Mail an meinen Therapeuten geworden wäre, haha. Ich würde euch viel Spaß wünschen, aber ihr seid mit dem Lesen ja schon fertig, also wünsche ich viel Spaß gehabt zu haben, falls Syntax es mir erlaubt. (Ich hab das noch kommentieren wollen, das ganze Gebilde, aber das lief dezent aus dem Ruder, jetzt bin ich zu müde, und überhaupt machen es mehr Worte an der Stelle wahrscheinlich auch nicht besser, also bleibt das jetzt so. Falls ihr wider Erwarten noch mehr wissen möchtet, müsst ihr euch doch den Audioguide runterladen. Ich verbleibe: mit vielen Grüßen aus meinem Museum.)