Dienstag, 14. Juli 2026

brücke, schwarz/weiß

"Regen ist sanft" sagst Du, und sanft schaust Du mich an, und ich weiß, ich könnte Dir jedes Geheimnis der Welt offenbaren, und mich in sämtlichen Farben zeichnen, Du würdest mich immer erkennen. Ich brauche Dich. Ohne Dich finde ich mich nicht zurecht in dem hier: muss wohl mein Leben sein, aber viel öfter kommt es mir vor wie ein Theaterstück, für das ich den Text nicht gelernt habe, oder eine Veranstaltung in einem Zirkus - die gerade aus dem Ruder läuft, aber ganz gewaltig. Aber nicht jetzt, nicht hier. Nicht mit Dir: Du fragst mich, wie spät es gerade ist - Du trägst keine Armbanduhr, und Dein Handy liegt auf dem Küchentisch, so wie immer - weil Du wissen willst, ob die Zeit reicht, um noch eine zu rauchen. Ich sehe zu, wie Du Deine Zigarette aus einem silbernen Etui holst, und genieße es, einfach einen Moment länger neben Dir sitzen zu können, und nichts zu tun. Du bist die Brücke.

Ich zeichne sie in schwarz/weiß, zu Anfang, weil ich keine anderen Farben auf meiner Palette habe. Und Du sagst zwar immer, dass Du schlecht in Kunst bist, aber ich lerne trotzdem dann von Dir, was Gelb ist, und wie ich damit die Sonne malen kann. Der Rest des Himmels bleibt Grün; manches in meinem Universum ist unabänderlich.

So wie: steh ich im Scheinwerferlicht, nimmst Du mich zur Seite, kurz bevor das Auto mich erwischen kann. Du hältst mich auch nicht für dumm, weil ich nicht wusste, dass man nicht mitten auf der Straße steht. Sondern Du zeigst mir, wo ich mich stattdessen hinstellen kann, das nächste Mal. Dauert vielleicht eine Weile, bis ich kapiere, aber Du bist seltsam geduldig, auch wenn ich Dich mal wieder am Telefon voll heule. Dauert eine Weile, bis ich kapiere: Du möchtest nicht, dass ich als ein Stück plattgefahrenes Etwas auf dem Asphalt ende, und so nach fünf Jahren habe ich auch endlich aufgehört mich zu fragen Warum. 

Warum ich jetzt das Gefühl habe, ich würde Dich verlieren, möchte ich bloß wissen. Sag mir, wenn die Brücke einstürzt, bitte? Damit ich mich in Sicherheit bringen kann, vorher. Damit ich den Ort finden kann, der vielleicht nicht existiert: ohne Dich. 

Sonntag, 12. Juli 2026

zu spät für kirschen

ich hab ihr eine postkarte geschrieben, wieder, und ihr ein buch zum geburtstag geschenkt, das erste mal. ich würde ihr auch kirschen kaufen - sie liebt kirschen - dienstag vormittags, auf dem markt, wäre sie nicht in den urlaub gefahren. wenn sie zurück kommt, hat ihre liebste kirschensorte nicht mehr saison. dann müsste ich august-kirschen kaufen, und das, wo sie die mitte-juli-kirschen doch viel lieber mag. ob k e i n e kirschen dann besser wären als august-kirschen? ich weiß nicht genau. weiß nur, dass mein herz bisschen dumm ist. stehe unten vor dem fahrstuhl, als sie rein kommt, mache nen schritt auf sie zu, so als würde ich - was? sie nimmt mich in den arm, dann, als sei das die antwort auf meine frage, und ich bin verwirrt; hab mich verplappert. scheiße, dabei reden wir gar nicht mehr. sie hat keine zeit. das ist das einzige, das sie mir gerade sagt. ich nehm's persönlich, so als könnte sie, wenn sie wollte - ich weiß es doch einfach nicht besser. woher denn auch, wenn nicht von ihr.

also führe ich selbstgespräche; nein: lüge mir dann selbst ins gesicht - nein, auch nicht. mein verstand, ja, der soll meinem herz mal mitteilen, dass das nur eine ausnahmesituation ist, und keinesfalls das ende. das bleibt nicht für immer so. (natürlich nicht, meint der klumpen in meiner brust so, und ich schlag ihm auf die finger, sonst würde er zum skalpell greifen, um sie aus mir heraus zu schneiden.) mein herz hat taube ohren.* und sie hat keine zeit. sie kommt zu spät zurück für kirschen. und ich, ich hoffe: ich hab's dann verlernt. verlernt, sie zu brauchen. 

*mir ist, als hätte ich den satz schon mal gehört, irgendwo? der kam mir gerade so in den kopf, aber kommt mir seltsam bekannt vor. ich hoffe, ich hab den nicht geklaut, von jemandem. sorry, falls dem so sein sollte. ich weiß es gerade nicht besser.