Posts mit dem Label Leaving Eden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Leaving Eden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 21. April 2024

too late

Ich schlage die Augen auf und weiß ein paar Momente lang nicht, wo ich bin. Weiß nur, dass sie gerade noch in der Tür stand; jetzt ist niemand mehr an dieser Stelle, und alles daran ist falsch. Mich trifft die Erkenntnis, dass sie auch nicht in der Küche mit dem Frühstück auf mich warten wird: Ich bin alleine hier, in einer Wohnung mit viel zu weißen Wänden; ich bin alleine hier, seit fast 13 Jahren. Es sind noch 6 Tage - ich habe das schon oft getan, ich kann es wieder tun - und ich wünschte, dass die ganze verdammte Welt einfach verschwinden würde. [Ich wünschte auch, dass ich mich betrinken könnte, aber es ist 16:36 Uhr und das geht doch nicht.] Ich bin müde. Ich kann meine Gefühle nicht zulassen. Mein Therapeut regt mich auf. Sie fehlt mir. Ich will nie wieder das Haus verlassen. Rell ist das einzige in meinem Leben, das nicht so entsetzlich kompliziert ist. Liebe ängstigt mich zu Tode. Ich möchte irgendwas kaputt machen. Ich kann das mit Cheza nicht so stehenlassen; möchte mich bei ihr entschuldigen, aber ich will sie nicht anrufen. Ich "muss" bald für ein paar Tage in mein "altes Leben" zurück kehren und alles daran widerstrebt mir. Ich weiß es doch auch nicht.

And I don't need no time
Lost somewhere in this great divide
Taken by chance and racing here instead
And I don't need no time
With shadows cast from fading lights
Taken by chance and racing here instead
Antimatter - Too Late

Donnerstag, 27. April 2023

// i'm not awake, i'm leaving eden //

Ich pfeffere den leeren Kaffeebecher in den Mülleimer und würde am liebsten ein brennendes Streichholz hinterher werfen. Der Fluss zu meiner rechten Seite fließt fast schon träge dahin, ich hingegen werde überspült von einer Flutwelle aus Wut, Verzweiflung, Trauer. // Ob sie [Cheza] gestorben ist, möchte mein Psychiater wissen, als ich das Thema anschneide. Ich weiß nicht, wie ich seine Frage beantworten soll. Der Teil von ihr, der mir an meinem Geburtstag Blumen gepflückt hat, ist auf jeden Fall tot. Spielt es da noch eine Rolle, ob der Rest von ihr in einer Kiste unter der Erde liegt oder nicht? // Set fire, set fire to home [Antimatter - The Third Arm] singt Mick, gerade als ich um die Ecke biege und das Haus sehe. Mh. (Ich halte es immer noch für eine gute Idee, irgendwas in Flammen aufgehen zu lassen, ja. Auch sieben Stunden später noch.) // Der Tag wiegt schwer wie Blei; das Gewicht drückt auf meine Lunge. Der Bus kriecht durch den Feierabendverkehr und ich bin kurz davor, an der nächsten Haltestelle fluchtartig auszusteigen, weil ich an die frische Luft muss. // Mein Psychiater verschreibt mir Bedarf. Die nehme ich sowieso nie denke ich noch, und werfe direkt zwei Tabletten ein, nachdem ich von der Apotheke nach Hause gekommen bin. 20 Minuten später - jetzt, hier, um 19:22 Uhr versuche ich, das Bild zu sehen, welches mein Psychiater heute Mittag gesehen hat. (Und scheitere. Das hat doch früher auch nie sein müssen.) // Nur noch ein paar Stunden, dann ist es endlich geschafft. Dann habe ich wieder ein Jahr lang Ruhe vor diesem verdammten Tag. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich es in der Zwischenzeit ja tatsächlich mal, über meinen eigenen Schatten zu springen. Dann kann ich ihr bald mal eine Kleinigkeit mitbringen. // In diesem Moment, da auf der Bank im Sonnenschein, mit den Vögeln, die in den umliegenden Bäumen zwitschern, ist es zum ersten Mal in zwölf Jahren in Ordnung, dass sie nicht mehr da ist. (Ich weine trotzdem um sie. Und dabei ist es mir scheißegal, ob jetzt irgendein Spaziergänger vorbei kommt und mich so sieht. Dieser Ort hier ist so gut wie jeder andere zum Weinen geeignet.) // Es gibt zwei Menschen, die mir in meiner speziellen Situation weiterhelfen könnten. Der eine redet seit einem Jahr nicht mehr wirklich mit mir. Der andere ... würde mir vielleicht eine Frage stellen, über die ich auf gar keinen Fall nachdenken will. Im Endeffekt spielt Scham eine zu große Rolle, als dass ich zum Telefon greifen könnte - // Zwischendurch singe ich auch noch ein Loblied auf Rell. Kann ja mein Umfeld ruhig wissen, dass ich ihr viel zu verdanken habe. (Dass da allerdings auch noch einiges unter der Oberfläche brodelt ... bleibt wiederum ungesagt. Ich muss mich einfach weiterhin brav in Zurückhaltung üben. Und mir vielleicht doch wieder einen Therapieplatz suchen, so wie es auch mein Psychiater für eine gute Idee hält. Dann wird das schon wieder.)

It's warm outside / But the weather fails to hide / The stinging loss inside
For in the back of my mind / I always thought I'd find / My way to paradise
On I'd walk to paradise
Antimatter - Leaving Eden

Sonntag, 27. November 2022

grace and lies locked the door from the other side

[Triggerwarnung bzgl. Alkohol, I guess?]

Montag, 14.11.22
Hör mal auf mit dem Trinken sagt Cheza. Und leg dich ins Bett. Also, zum Schlafen. Sehr spezifisch, der letzte Satz. Zu dem Zeitpunkt des Anrufs liege ich nämlich auch im Bett, neben mir auf dem Nachttisch der dritte Wodka Lemon des Nachmittags, und alles dreht sich. Sie hat nicht viel Zeit, ich habe eine Lücke gefunden zwischen Arbeit und ... Ichweißnichtgenauwas. Jedenfalls fehlt mir aufgrund des Alkoholpegels irgendeine Art Filter, und ich rede wie ein Wasserfall. Versuche ihre Antworten festzuhalten, in dem Wissen, dass ich mich an dieses Gespräch nicht mehr gut werde erinnern können. (Schreibpause, um das erste Mal an diesem Tag etwas Richtiges zu essen. Es ist kurz nach 18 Uhr. Ich möchte das unkommentiert lassen.) Aber weiter im Text: als wir dann auflegen sehe ich auf meinem Handy die Benachrichtigung über das nächste Konzert von Antimatter - Ende nächster Woche, wie ein Zeichen. Denn zum Zeitpunkt des letzten Konzerts war ich in einer ähnlichen Verfassung; in einem ähnlichen Loch, und wenn ich im April da raus klettern konnte, dann kann ich nun auch. (Also höre ich mit dem Trinken für heute auf. Und lege mich ins Bett.)

Mittwoch, 16.11.22
Ich höre mit dem Trinken auf, klar, kein Ding, so als sei das das Einfachste auf der Welt. So als hätte ich den kompletten Dienstag über nicht das überwältigende Verlangen nach Alkohol verspürt. Ich bin eigentlich nicht so. So als wäre ich nicht den ganzen Tag über unterwegs gewesen und nach der Arbeit noch zu einer Freundin gefahren, bloß um nicht alleine in meiner Wohnung zu sein. Eigentlich bin ich nicht so, echt nicht. Heute dann das Gespräch mit Rell - sie scheint nicht sonderlich erfreut angesichts meiner ... fehlenden Initiative, mir Hilfe zu holen, würde ich mal sagen. Noch weniger erfreut sein wird sie nächste Woche, wenn sie erfährt, dass unser angedachter Plan nicht funktionieren wird. (Ein wenig hoffe ich, dass sie mich dann in Ruhe lässt. Schließlich geht's mir schon wieder besser. Ich brauche gar keine Hilfe.)

Freitag, 18.11.22
Ich hab mit dem Trinken aufgehört. Für drei Tage. Aber heute ist ja Freitag, und gegen einen Drink nach Feierabend gibt's doch eigentlich nichts einzuwenden? Außer wenn Feierabend halt um 12 Uhr ist, aber naja, es muss ja nicht wieder so sehr aus dem Ruder laufen wie Anfang der Woche. Also halte ich mich zurück; und ein paar Stunden später signalisiert mein Körper mir deutlich: Lass mal gut sein mit dem Wodka. Ja. Okay. Ich bin sowieso zu erschöpft um nochmal aufzustehen und in die Küche zu gehen glaube ich, genauso wie am Mittwochabend, als ich eingeschlafen bin um 21:30 Uhr und es vorher nicht mal mehr geschafft habe, die Lichterketten auszuschalten. Ein klein wenig habe ich Angst vor den nächsten beiden Tagen, wenn am Wochenende die Struktur fehlt; ich habe mich vor ein paar Wochen erst aus so einem Sumpf raus gearbeitet, ich möchte nicht schon wieder in die nächste Krise rutschen. Ob das die Winterdepressionen sind, die langsam anklopfen? Auf die könnte ich gut verzichten dieses Jahr.

Sonntag, 20.11.22
Es ist 14 Uhr, ich liege noch immer im Bett. Ich wollte schon vor Stunden aufstehen, Yoga machen und frühstücken zu Mittag essen. Ich gehe fest davon aus, dass das im Laufe des Tages auch noch geschieht - nur halt im Moment nicht. Im Moment bin ich zu sehr mit Vermissen beschäftigt, voller Naivität, so als hätte sich seit September nichts verändert. (Aber darüber kann ich nicht schreiben. Ich kann einfach nicht.) Drei Stunden später schütte ich mir Wodka mit Blutorangensaft in den Hals, um den Schrei zu ertränken, der in meiner Kehle sitzt. Noch knapp 2 Wochen bis zum (zweit? dritt?) schwierigsten Tag im Jahr, und ich bin jetzt schon mit Zusammenbrechen beschäftigt. Selbst danach bleibt immer noch das Problem, das in der Heimatstadt auf mich wartet. Die nächsten 6 Wochen werden wahrscheinlich ein verdammter Struggle. Großartig, ich hab echt richtig Bock.

Dienstag, 22.11.22
Ich prügele mich so durch die Tage. Morgen spreche ich nochmal mit Rell und muss irgendwie Worte finden - fck, ich kann nicht mal Worte dafür finden, wofür ich Worte finden muss?! Also, das wird spannend. Dann treffe ich nach Feierabend noch auf neue, unbekannte Menschen. Sehe ich mich nicht so ganz, aber ich wollte Deltas Einladung nicht ablehnen. Und eigentlich will ich ja auch wollen, und nicht immer nur alleine in meiner Wohnung vereinsamen. Leider hat mein Energielevel da auch noch ein Mitspracherecht. Naja, mal sehen.

Donnerstag, 24.11.22
But grace and lies locked the door from the other side
And now there's not much else there
Grace and lies in all
How long can you hide?
How long can you hide?
How long
Antimatter - Leaving Eden

Samstag, 26.11.22
Meine kurzzeitige Obsession mit Antimatter scheint überwunden zu sein; ich liege im Bett, ziehe mir die Decke über den Kopf und höre zum elften, zwölften, dreizehnten Mal Cities Of Asylum. Der Gedanke an all die Dinge, die erledigt werden wollen, überfordert mich massiv. Es sind streng genommen nur Kleinigkeiten, aber ich habe keine Energie, um auch nur die geringste Anforderung zu bewältigen. Gegen 15 Uhr ziehe ich dann vom Bett auf das Sofa um, um mich am Laptop zumindest um die Sachen zu kümmern, für die ich das Haus nicht verlassen muss. In der Theorie ein guter Gedanke, doch eine bleischwere Erschöpfung liegt über mir wie eine Decke. Die Aussicht darauf, nach dem E-Mails schreiben etc. vom Sofa wieder aufzustehen, um weißgottwas zu erledigen, bringt mich fast zum Weinen. Dabei will ich mir doch nur etwas zu essen machen und meine Haare kämmen. Und dann Zähne putzen, ein Paket zurückschicken, ins Einkaufscenter fahren, und und und. Ist das zu viel verlangt?

Es ist zu viel verlangt. Ich erstelle eine to-do-Liste mit knapp 15 Punkten, markiere mir davon 6, und schaffe 3 1/2. Mir geht's besser ab dem Moment, in dem ich anfange, die Umstände zu akzeptieren. Erneutes winterliches Energiedefizit? Ist jetzt eben so; und war ja auch zu erwarten, wenn man die letzten Jahren betrachtet. Und solange es nicht zu einem erneuten winterlichen vom-Balkon-springen-wollen kommt, kann ich mit meiner Lage (sehr) gut umgehen. Es ist so viel besser als die Jahre zuvor. Nun heißt es Daumen drücken, dass das in den nächsten Wochen auch so bleibt.

Montag, 14. November 2022

traced in constellations

Diese Einleitung schreibe ich montags, am Ende. Ja, ich werde diesen Post gleich ins Internet stellen. Das hier sollte eigentlich ein Versuch sein, mich an die positiven Dinge zu erinnern, die in den letzten zwei Tage auch passiert sind. In der Hoffnung, dass es mir dadurch weniger schlecht geht. Hat aber nicht funktioniert. Und nun bin ich wieder zuhause von meinem Wochenendtrip, sollte eigentlich auf der Arbeit sein, weil's mir aber so geht wie's mir geht im Moment, habe ich mich heute Morgen krank gemeldet. Und damit hier kein Blut fließt, fließt halt gerade Alkohol. Kann man so machen. Sollte man vielleicht nicht. Da bin ich einfach mal mit Anlauf direkt in den Abgrund. Mal sehen, wann ich dieses Mal unten ankomme.

Samstag
In der Zoohandlung voller Faszination die Kaninchen beobachten. Sich vorstellen, eines dieser weichen, flauschigen Wesen auf dem Arm zu halten, wie damals Fee. Fast eine Keksdose mit einem dämlichen lustigen Elch darauf kaufen. Sich über den Sonnenschein freuen. An sie denken. Erdnusseis essen, das einzige, das momentan vom Weinen abhält. Unter "Sternen" schlafen. Nicht an den traurigen Zwilling im Briefumschlag denken. An sie denken; an sie denken, sie erinnert sich. Es hilft nicht. Es hilft nicht, und das ist die Wahrheit. Das hätte nie passieren dürfen. Ich bin hier noch immer sicher. Aber es gehört nicht mehr mir. Man hat es mir weg genommen; wieso wird mir immer alles (an Sicherheit) genommen?

(Das hier ist eine Erdnusseis-Pause. Ich bin in der Stimmung dazu, ihr ein Gedicht zu schreiben. Ich bin in der Stimmung dazu, einen Ozean zu weinen. Nachdem ich dieses verdammte Haus dann auch angezündet habe.)

Noch ein neuer Versuch: einen Spaziergang machen. Sich gedanklich auf die Schaukel beim Spielplatz setzen. (Das letzte Mal schaukeln ist nur ein paar Wochen her. War aber nicht auf einem Spielplatz, sondern in der Praxis. Das ist ein völlig anderes Feeling.) Weitergehen und sich erinnern: sie auf einem Spaziergang treffen. Es sieht so aus, als sei sie direkt aus der untergehenden Sonne gestiegen. Wir kennen uns gerade 6 Monate. Und gehen dann für eine ähnlich lange Zeit erstmal wieder getrennte Wege. 

Abwege jetzt; die Stunden zählen: etwa 24 vergangen, knapp 28 stehen noch aus. Und danach endet die Panik nicht; die schreckliche Vorstellung vom nächsten Mal lässt mich jetzt schon nicht mehr los. Aber ich muss ja, es muss sich doch eine Lösung finden lassen, eine, bei der ich nicht durch die halbe Weltgeschichte dissoziiere. Aber Trauma existiert in diesem Haus nicht. Ich meine: ich muss so tun, als sei ich in Ordnung, weil es keine Alternative gibt. Ich will hier einfach nur weg. Ich würde mich am liebsten in den nächsten Zug setzen, und noch lieber möchte ich zu ihr, aber das ist keine reelle Möglichkeit im Moment. In 6, 7, 8 Wochen vielleicht. 5, frühstens. Das ist gar nicht mehr so lange hin. Aber der Zustand hier ... ist unveränderbar. Und ich finde keine klaren Worte dafür. Ich finde keine Worte, die ich äußern kann einer anderen Person gegenüber. 

Nochmal das Steuer herumreißen: Schätze in der "kleinen" Post Rock Playlist finden. Darkfield, Maybeshewill, sleepmakeswaves. Ihr gefällt der Name. Ihr würde bestimmt auch gefallen, wenn ich ihr bei der nächsten Gelegenheit erzähle, wie gut es mir ging, vor dieser ... Notfallsituation. (Das müsste mich gar nicht so sehr betreffen; bzw. verurteile ich mich dafür, dass es mir im Moment so schlecht geht. Aber sie versteht das. Sie versteht, was das bedeutet.) Jetzt gleich noch irgendeine Art von Kraft (?) zusammen sammeln für die Pflichtveranstaltung; fast schon vergessen, aus welchem Grund ich hier bin. Kosten/Nutzen vorher schon kririsch, aber jetzt? Ist es das noch wert? Stecke in dem Kleid, das ich getragen habe, als ich sie das letzte Mal gesehen habe, und das macht es nicht unbedingt besser. So viel zu Steuer herumreißen


Sonntag
Nächster Tag, weiter im Text, Goldfäden im Kleid. Overdressed as always. Ab einem gewissen Alkoholpegel geht auch die Pflichtveranstaltung klar. Zuhause reden wir dann noch über eine Stunde. Dabei reden wir sonst nie. Erzähl mir davon sagt er und zum ersten Mal seit Jahren habe ich wieder das Gefühl, dass er sich für mein Leben interessiert. Dass er nicht wütend auf mich ist aus irgendeinem mir nicht begreiflichen Grund. Es fühlt sich jetzt weniger weg genommen an, obwohl ein Gespräch ja nichts an diesen Umständen ändert.

(Die Fotos, ich habe die Fotos vergessen; dass ich schon das erste Bild gesehen habe und dachte: Ich packe das nicht. Tue ich auch nicht, diese Geschichte wird maximal verdrängt. Diese unglaubliche Angst davor, dass am Ende nichts mehr übrig bleibt von ihr. Dass jede auch noch so kleine Spur ihrer Existenz irgendwann ausgelöscht sein wird. Ich weiß nicht, wie ich das ertragen soll.)

Minuten jetzt nur noch. Eine Lösung findet sich dieses Wochenende sicher nicht mehr. Denke, dass ich sie morgen dringend nochmal anrufen muss, um all die Dinge zu sagen, die ich am Donnerstag nicht aussprechen konnte, plus die, die in den drei Tagen seitdem noch dazu gekommen sind. Diese Bilder. Alles weiß und auf Hochglanz poliert. Keine Spuren einer Seele. Keine Spur mehr von i h r; nur noch ein Stein mit ihrem Namen drauf. Ich will bloß nach Hause und weinen, aber ich weiß nicht länger, wo dieser Ort sich befindet. (Wo dieser Ort sich befindet, wenn sie es nicht (mehr) ist. Ich. Weiß. Es. Nicht. Länger. Und das tut unbeschreiblich weh. Alles tut weh seit letztem Freitag.

Dienstag, 4. Oktober 2022

it feels like a glass half empty is more than i'll ever have

Auf dem Weg von der Bushaltestelle schaffe ich's beinahe, mich zu verlaufen. Biege um eine Ecke und hoffe, ir gend et was zu erkennen - hier sehen alle Straßen so gleich aus. Und nicht nur die Straßen; auch die Häuser, die Autos, die Menschen. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper. Aus einem Fenster schaut eine Frau mich fast schon vorwurfsvoll an - ja, ich wäre auch lieber an einem anderen Ort. Kann Die Umstände™ aber nicht ändern. Ich versuche mir vorzustellen wie mein Leben aussehen würde, wäre sie noch ein Teil davon. (Wie sie wohl auf mein Coming Out reagiert hätte? Gift. Ob ich ihr von Cheza erzählt hätte? Hätte sie das verstanden? Gift. Wäre sie stolz auf mich? Vielleicht wäre ich auch gar nicht so sehr kaputt gegangen, wenn... Gift. Diese Gedanken sind wie Gift.) Ich setze mir dann die dringend benötigte Maske aufs Gesicht, bevor ich an der Tür klingele. Ihr Name darf meine Lippen nicht verlassen. Weil ich sonst nämlich zusammenbreche. (Ich breche zusammen. Noch immer. Auch noch so viele Jahre später.)

Denn das Glas ist immer nur halb leer ohne sie.

It feels like a glass half empty is more than I'll ever have
Cause I've been fast aspleep, standing still in a stampede
I'm breaking my back, but I'm still sinking like a stone
Architects - Demi God

Dienstag, 22. Juni 2021

last hour

[TW bzgl. Trauer/Tod]

Naja, und dann fragt man eben. Kommst du zurecht? Auch wenn die Antwort auf diese Frage schon klar ist - wie? Wie soll man bitte "zurecht kommen" in so einer Situation? Keara schreibt dann, für sie sei eine Welt zusammengebrochen, und als mir die Tränen schon über das Gesicht laufen realisiere ich: ich weine gar nicht für oder "wegen" Keara. Ich weine, weil ich genau weiß wie es sich anfühlt. Und auch an dieser Stelle - wie? Wie soll ich sie denn jetzt trösten? Ich kann ihr nicht sagen, dass das schon "wieder gut" wird. Denn. Das. Wird. Es. Nicht. Es wird nie wieder gut werden. Nicht, wenn es nach 10 Jahren immer noch so weh tut, dass ich meine, mein Herz zerspringe in seine Einzelteile. 

Und alles verschwimmt.

Wenn ich das Haus verlasse und in den nächsten Bus steige, kann ich 50 Minuten später vor ihrer Tür stehen. Nur ist das nicht mehr ihre Tür, denn es ist nicht mehr ihr Haus. Ich könnte auch in den Bus steigen und in 37 Minuten auf dem Friedhof sein. Da gibt es nur ein Problem.

(...)

Es ist gleich 14 Uhr und ich kriege den Deckel nicht drauf. Ich muss aber. Weil ich in einer Stunde Therapie habe und eigentlich über ein ganz anderes Thema reden wollte. Und weil ich weinen muss, wenn ich über sie spreche, und ich kann doch nicht vor Irelia weinen, das geht doch nicht.

(...)

Wie in einem schlechten Film laufe ich dann weinend durch den Regen und schlage - trotz Regenschirm - wie ein begossener Pudel bei Irelia auf. Noch bevor ich einen vernünftigen Satz formulieren kann, breche ich in Tränen aus. Klasse - also genau die Situation, in die ich nicht geraten wollte. Vielleicht hätte ich ein paar von den Zeilen vorlesen sollen, die ich zuhause noch geschrieben habe. Es tut so weh und ich frage mich warum; warum ausgerechnet sie, wo ich doch sonst niemanden hatte. (...) Und ich will schreien, und doch auf den Friedhof fahren - nur würde ich mir dann die Hände blutig graben bei dem Versuch, sie zurückzuholen. Dabei weiß ich, dass das nicht geht. Aber sie fehlt mir so unaussprechlich.

(...)

Ein Weilchen später sprechen wir über meine Eltern. Vielleicht hat das Weinen meine Zunge gelöst, jedenfalls sprudeln die Worte plötzlich nur so aus mir heraus. Irelia sieht irgendwann echt bestürzt aus. Dann sagt sie: "Da würde ich am Liebsten hinfahren und den Beiden links und rechts eine verpassen." [Oh. Okay?] Ich weiß, dass das eigentlich meine Gefühle sein sollten. Ich kann aber nicht. Wütend sein. Mittlerweile bin ich das mitunter auf Cheza - das ist ein Fortschritt. Aber wütend zu sein auf meine Eltern? Wenn es um das Thema geht, ist es schwierig, an überhaupt irgendein Gefühl dranzukommen. Außer, dass ich die Beiden auch noch verstehen kann; mein Vater hat X getan, weil. Und meine Mutter hat Y eben nicht getan, weil. Für Irelia gibt es aber kein "Weil" - genau deswegen ist sie stellvertretend wütend. Für mich. So lange, bis ich es vielleicht sein kann. Irgendwann. Zum Abschluss sagt sie: "Sie müssen sich keine Vorwürfe machen, weil Sie nicht wissen, was Sie Ihrer Freundin antworten sollen. Sie müssen sich auch keine Vorwürfe machen, weil Sie den Tod ihrer Oma nicht verarbeitet haben. Schließlich haben Sie nie gelernt, Dinge zu verarbeiten." Can't argue with that.

(...)


 Ich schreibe Keara und entschuldige mich für meine selten dämliche Frage. Erzähle ihr, dass ich verstehe, wie sie sich fühlt und gebe ihr zu verstehen, dass ich für sie da bin. Danach esse ich Schokoladeneis mit Erdbeeren. Genauso wie früher. Last Hour läuft im Hintergrund; die Musik fängt auf. Denn noch immer tut es weh. Aber nun so, dass es zu ertragen ist. [Der ganze Rest, der da gerade hoch kommt, wird verdrängt. Denn ich habe Vorstellungsgespräche und Prüfungen diese Woche. Ich. Muss. Funktionieren. Ich weiß nur noch nicht genau wie.]

Samstag, 3. April 2021

Paranova

Die Essstörung lauert im Hintergrund, gleich einem Assassinen. Lautlos, schleichend, mir-auf-Schritt-und-Tritt-folgend. Sie duckt sich und macht sich zum Sprung bereit, sobald ich Nachlässigkeit zeige. Der Gegensatz: Bilder aus der Vergangenheit. Diese warten nicht erst auf den passenden Moment, sondern überfallen mich aus dem Nichts. Ich kann den Erinnerungen nicht entkommen - nicht alle sind schlecht, aber: Da. Ist. Zu. Viel. In meinem Kopf.
- Omnos, Sekiro. Dawn. Fynneck; dabei ist das so nie passiert. Mehr Sekiro. 
- Kaiser & das Gefühl auf Wolken zu laufen. 
- Kaiser & das Gefühl ganz allein auf einem Ozean zu treiben.
- Mittwochnachmittage. Aber ich finde nicht an mein Ziel; bin noch immer alleine. In einer Stadt, die mich zu verschlingen droht. Ich träume uns: an einen See in der Sommersonne, an einen Strand in Griechenland, in eine schneebedeckte Weite und auf ein Kreuzfahrtschiff; aber wenn sie mich in der Nacht nicht verlässt, muss ich gehen im Morgengrauen.
- Wieder Fynneck. Ich lasse ihn auf einem Friedhof zurück, zwischen fremden Gräbern und getrieben von Panik. In die aufsteigende Verzweiflung mischt sich Scham.

Ich sollte wissen, wo. Ich sollte es wissen.

- Doch das tue ich nicht. Ich kann auch nicht um Hilfe bitten. Dazu wiegt der Vorwurf zu schwer in seinen Worten; im Stich gelassen. "Enttäuschung" in fünf Silben.
- Ich kehre zurück in der Nacht. Das Licht ist golden und fällt durch das Küchenfenster. Nach dem Aufwachen weiß ich nicht mehr, wer ich bin. Weiß nur, dass ich nicht zurückkehren kann.
- Noch mehr verlorene Orte: mein Platz am ersten Tisch rechts. Mein Platz in der Mitte des Parketts. Mein Platz auf einer Bank am Fluss. Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich meine Freiheit eingetauscht gegen eine Art der Zukunft, die leistungsgesellschaftskonformer ist.
Jetzt, so kurz vor dem Ende, ist mir, als könnte ich einen Fehler begangen haben, aber ich kenne die Alternative: Staub an den Fingern und ein mit Nadeln gefüllter Mund.
Alleine. Bis an mein Lebensende.

When the stage is set, the line is drawn
The curtain's up, the lights are on
And you're on your own
When the fever's set, the crowd is hot
The gloves are off, the knives are out
And you're on your own
Antimatter - Paranova