Montag, 19. Mai 2025
Wenn
ich könnte, würde ich den ganzen Tag diese Bruchstücke aus mir
heraus schreiben, dann könnte ich sie zusammen puzzeln und mein
Trauma irgendwo hinstellen, ins Regal vielleicht; auf jeden Fall
hätte es dann keine so scharfen Kanten mehr und würde mir nicht
mehr so weh tun. Ich schätze nicht, dass es schön aussehen würde,
wahrscheinlich wäre das Regal gar kein so guter Platz, aber es darf
in keiner Schublade mehr verschwinden. Ich müsste es wahrscheinlich
ansehen, in all seiner Hässlichkeit, bis ich hinsehen kann, ohne mir
die Lunge aus dem Leib schreien zu wollen, und dann könnte ich es
irgendwo zur Ruhe betten; vielleicht könnte ich es dann doch in der
Schublade vergessen, zwischen Teelichtern und, ich weiß nicht,
Büroklammern? Es könnte dort friedlich ruhen, und würde mir gar
nicht übel nehmen, dass ich es vor fünf Zeilen erst „hässlich“
genannt habe. Ich meine das gar nicht böse, aber wie soll ich Gewalt
in etwas Schönes verwandeln, in etwas, das man sich gerne ins Regal
stellt?
Mein Trauma ist: ein wenig stachelig, so wie eine Kastanie, sodass man nicht genau weiß, wie man es anfassen soll, ohne sich in die Finger zu stechen. Es ist zu groß für die Hosentasche, und zu schwer für eine Handtasche, wenn man es mitnehmen möchte, braucht man einen Rucksack. Es hat in etwa die Farbe von einem Pfirsich, aber das ist nur die Schale; im Inneren ist es ganz schwarz, und wenn man es schneidet, hört es nie wieder auf zu bluten.
Es gibt keinen Lichtschalter. Das verdammte Licht kriecht durch die Augen bis ins Gehirn und brennt dort durch sämtliche Synapsen, bis man nichts mehr sehen kann außer Hände, die etwas berühren, was nicht berührt werden sollte. Wenn man es zu lange festhält, wird es ein wenig klebrig, und wenn das Flecken auf der Kleidung hinterlassen sollte, falls man nicht aufpasst, ist die ruiniert, weil es nie wieder rausgeht. Man braucht viel zu lange, um es von den Fingern zu waschen, Seife hilft nicht, man muss daran schrubben, bis die Haut fast blutig ist. Es ist völlig geruchsneutral; es riecht kein bisschen nach seinem After-Shave, wo kämen wir denn da hin. Es ist Freitag, und es saß zu lange im Zug – nein, das bin ich. Es gibt keinen Ton von sich, es darf nicht schreien, auch wenn man ihm Schaden zufügt – nein, das bin auch ich. Wie viel von meinem Trauma bin ich?
Samstag, 14. Februar 2026
Es existieren noch 3274 Worte, die ich geschrieben habe, bevor ich mein Trauma mit einer Kastanie verglichen habe. 3274, weil ich Gewalt nicht länger in Schweigen hülle, aber im Internet veröffentlichen kann ich die nicht, es gibt schließlich Grenzen. Ich kenne meine sehr gut - ich muss sie überschreiten, weil sie überschritten worden sind.
Dann kam der Tag, an dem die Fische starben. Und ich meinen Therapeuten habe teilhaben lassen. Ich hab das Buch gelesen, die Worte gefunden, mich in Brombeeren gekleidet und in Würde, und dann bin ich doch wieder weg gelaufen, weil ich mich meinen Gefühlen nicht stellen konnte. Weil ich nicht wusste, wie; weil ich es immer noch nicht weiß, weil ich nicht sagen kann, wie viel Würde es braucht, um Ohnmacht in Macht zu verwandeln.
Aber ich muss doch. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mich zu retten.
Ich weiß nicht, wie viel davon ich ins Internet schreiben werde, oder warum ich das hier überhaupt tue: Blogger ist nicht der passende Ort, um gehört zu werden. Und will ich das denn überhaupt. Doch Buchstaben zu Worten zusammenzufügen, ist das einzige das ich mit Sicherheit kann. Also tue ich es.
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