Freitag, 11. September 2026

anti/gravity

I. Der Atlantik ist mitternachtsblau und bricht sich in türkisen Wellen an den Klippen. Weiße Gischt sitzt wie eine Krone auf den dunklen Kämmen. Ich denke (trotzdem) an Deine (grünen) Augen. Paradox ist meine Normalität.

Und ich habe aufgehört, die Strichliste zu führen - schon bevor ich überhaupt angefangen hatte. Im Kopf bin ich bis fünf gekommen, vielleicht, dann dachte ich nur: fck my life. Und hab es akzeptiert; fühle mich deswegen nicht schuldig. Ich wünschte niemanden weg. Ich würde auch nicht tauschen wollen. Ein Zuhause habe ich in einem anderen Leben. In diesem bin ich ohne Dich glücklich, irgendwann.

II. (Aber das stimmt nicht. Ich würde, wenn ich könnte. Immer. Nur manchmal zögere ich.)

III. "Ich bin wegen Dir hier" denke ich. Hier, irgendwo auf dem Atlantik, bin in Morro Jable auf ein Boot gestiegen. Hier: überhaupt noch irgendwo auf dieser Welt. Bin ich nur noch wegen Dir. Und Du? Bist nicht mehr da, und ich kann's Dir nicht erzählen: dass ich gar nicht seekrank geworden bin, heute schon weiße Dünen, tiefblauen Ozean, und darin sogar Delfine gesehen habe. Kurz danach war ich kurz davor zu beschließen, dass Du tot bist. Weil die Geschichte sich so einfacher erzählen ließe; ich nichts für das Ende könnte. Aber ich will nichts mehr, als dass es Dir gut geht. Also hoffe ich, dass das so in Ordnung ist für Dich. Falls nicht: you know where. *

IV. Das Meer ist irgendwo unter einer Wolkendecke verschwunden. Ich starre auf die Innenverkleidung des Flugzeuges, die in einem lebensbejahenden Grau gestaltet ist, und denke trotzdem an Dich. Ich werde in meinem Leben wohl nie in ein Flugzeug steigen können, ohne daran zu denken, wie Du mir erzählt hast, dass Du überlegt hattest, Stewardess zu werden. Also sitze ich da, umgeben von Grau und Fremdheit, und stelle mir vor, wie Du wohl aussehen würdest in weißer Bluse und schwarzem Blazer, mit Zopf und Halstuch. 

V. Was tue ich denn eigentlich hier. FCK. 

VI. Und ich bin wegen Dir hier; auch wenn ich hier bin mit nem Kopf voller Gedanken, die vielleicht falsch sind, weil ich sitze hier neben Kätzchen, und wtf am I doing. Wenn Trauer bloß Liebe ist, die nirgendwo mehr hingehen kann, werde ich niemals aufhören damit. Ich wüsste nicht, wie - und ich wüsste nicht, ob ich wollte. Vielleicht, wenn ich Dich irgendwann aus mir heraus gesprochen habe, in winzig kleinen Stückchen, dann. Vielleicht höre ich dann auf mich so zu fühlen, als sei ich auf der Suche nach etwas, von dem ich weiß, dass ich es sowieso nie finden kann, weil es nur in meiner Vergangenheit existiert. 

* If you wanna break free, you know where to find me
If you wanna break free, you know where, you know where
Starset - Antigravity

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